Wie wollen wir leben – wie wollen wir gelebt haben?

Hier eine kleine Wissensfrage: Welcher Tempusform bedient sich der zweite Teil des Titels? Na? Ich werde die Lösung gleich verraten, und wenn ich es gesagt haben werde, werdet ihr sagen: „Ach ja, na klar, das war doch damals in der 6. oder 7. Klasse, da haben wir das gelernt, und gleich wieder vergessen, benutzt man ja nicht in der Alltagssprache.“ Die Rede ist vom Futur II, eine tatsächlich fast gänzlich ausgestorbene Form der Verbenflexion. Ich möchte hier zwar nicht ins Horn der Sprachverfallsapologeten stoßen, denn ich fühle mich der Linguistik insofern verbunden, als dass ich die Sprache als etwas betrachte, dass sich mit seinen SprecherInnen und ihren Lebensumständen wandelt. Dennoch denke ich, dass es sich lohnt, das Futur II einmal aus der Mottenkiste zu holen und sich dessen Bedeutung klarzumachen. Denn auch davon bin ich überzeugt: Sprache eröffnet Denkräume und konstruiert die Welt. Was also drückt das Futur II aus? Das Futur II beschreibt die gedankliche Antizipation eines Ergebnisses einer (bereits begonnenen) Handlung, deren Ausgang in die Zukunft fortwirkt. Es verbindet –  und das kann kein anderes Tempus – alle drei uns bekannten Zeitebenen und eröffnet damit eine ganz neue Perspektive, denn während ich das Futur II verwende, befinde ich mich in der Gegenwart, befördere mich aber gedanklich an einen Punkt in der Zukunft, von dem aus ich zurückblicke in die Vergangenheit, die aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch Zukunft bzw. gerade stattfindende Gegenwart ist. Das Futur II ist somit immer das Ergebnis gegenwärtigen Handelns und zugleich Ausgangspunkt, also Bedingung für zukünftiges Geschehen, so verwendet im zweiten Satz dieses Artikels. Aus dieser Hybridstellung zwischen Präsens und Futur heraus entwickelt das Futur II seine ganze Kraft. Wenn ich das Futur II benutze, bin ich dazu gezwungen, mich und meine Situation ganzheitlicher zu reflektieren und Verbindlichkeiten einzugehen. Ein ganz normaler Satz wie: „Ich mache das morgen fertig“, bekommt im Futur I schon eine Nuance Verbindlichkeit hinzu. Während der Satz im Präsens wie Aufschieberitis, oder – um den wissenschaftlichen Begriff zu verwenden – Prokrastination klingen kann, hat ein „Ich werde das morgen fertig machen“ viel mehr von einer konkreten Absichtserklärung. Wenn ich nun sage: „Ich werde das morgen fertig gemacht haben“, so lasse ich keinen Zweifel daran, dass ich mein Projekt morgen abschließe/abschließen werde/abgeschlossen haben werde. Wem immer ich diese Vision projiziere, nur mir selbst oder aber meinen Projektpartnern, demgegenüber bin ich mit diesen Worten in der Verantwortung. Der Auslegungsspielraum verengt sich mit dem Futur II, die Achtsamkeit für den Zusammenhang von Ist- und Sollzustand und für die daraus resultierenden Folgen erweitert sich jedoch. Wer im Futur II spricht, muss sich darüber Gedanken machen, wo er oder sie gerade steht, wie sie oder er mit dem festgelegten Zeitrahmen umzugehen vermag und welche Konsequenzen oder Erwartungen als Folge der vorhergesagten Handlung entstehen können. Das Futur II fordert uns also auf, uns gemäß unserer Versprechen zu verhalten. Besonders deutlich wird dies mit dem folgenden Satz: „Ich werde mein Zimmer aufgeräumt haben, wenn du zurückkommst.“ Mal abgesehen davon, dass meine Kinder fast nie aufräumen und ich auf solch eine Ankündigung warten kann, bis ich schwarz werde, würde ich nach diesem Satz die berechtigte Erwartung hegen, dass das Zimmer nach meiner Rückkehr wieder betretbar sein wird – und vielleicht sogar die Spülmaschine ausgeräumt wurde – hmm, OK, wahrscheinlich nicht, aber man wird ja noch träumen dürfen. Aber ihr seht, das Futur II erweitert Denkräume, sodass vielleicht doch irgendwann das Unmöglich geschieht. Wenn das Angekündigte nicht eintrifft, bin ich zumindest enttäuscht, weil es definitiv formuliert wurde als Ergebnis, als Ziel, dessen Erreichen an einen zeitlichen Rahmen gebunden war.

Auch wir Lebewesen sind an einen zeitlichen Rahmen gebunden. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Wir leben jedoch, als würde alles immer so weitergehen, als gäbe es immer eine weitere Option, eine neue Chance, ein zweites Leben, noch eine Erde. Ich möchte hier nicht ins Moralisieren verfallen. Im Zustand des Präsens erfährt man das Leben unmittelbar, und das geht uns auf unserem Lebensweg leider viel zu schnell verloren, weil wir so sehr damit beschäftigt sind zu planen, zu organisieren, kurzfristige Ziele zu erreichen. Wer schaut nicht auf seine Kindheit und Jugend zurück und möchte noch einmal so spielen oder so tanzen wie damals? Was das Erleben dieser tranceartigen Zustände damals ohne Anstrengung ermöglichte, war die Unkenntnis über die oder – weil in unendlich weiter Ferne liegend – die Unsichtbarkeit der eigenen Endlichkeit. Was wir heute in unserer Gesellschaft versuchen, ist die Rückkehr in den kindlichen Flow, indem wir mit Nebelmaschinen unseren eigenen Verfall, unser Sterben, unsere Endlichkeit verbergen. Das Ganze mag jedoch nicht so recht gelingen, denn ohne Schminke und Ablenkung bleiben wir die kleine Frau oder der kleine Mann, deren Körper sekündlich altern. Diese Scharade, die viele in unserer Gesellschaft spielen, wirkt denn auch kindisch, lächerlich, maskenhaft, hysterisch. Im Präsens ist die Welt schön, so wie sie ist. Das Problem dabei ist aber, dass wir als erwachsene Menschen sehen können, dass die Welt nicht einfach nur aus sich selbst heraus schön ist, und dass sie auch an vielen Stellen sehr hässlich ist. Und weil das so ist, weil wir diese Erkenntnis im Erwachsenwerden erworben haben, stehen wir auch in der Verantwortung etwas dafür bzw. dagegen zu tun.

Wie wollen wir leben? Diese Frage kann man mit allerlei schönem Gerümpel beantworten, mit individuellen Zielen, mit Dingen, die wir besitzen wollen. Natürlich kann man als Antwort auch eine Vision einer besseren Welt entwerfen. Die Verbindlichkeit, die mich erst ins Handeln kommen lässt, bleibt mit der bloßen Formulierung einer Vision allerdings aus. Wenn ich jedoch frage, wie wollen wir gelebt haben, dann zwingt mich das Futur II dazu, mein jetziges Tun ganzheitlich, vom Ende her zu reflektieren – und ich meine hier ausdrücklich Ende und nicht Ziel, denn mal ehrlich: welches Ziel? Wenn wir uns heute gedanklich auf unser Sterbebett projizieren, dann kommen wir ganz schnell zu den Dingen, die übrigbleiben, die es wert sind, dafür Anstrengungen zu unternehmen, die jetzt wichtig sind, die uns aber über unser mickriges Dasein hinaus überdauern. Wenn ich mich irgendwann einmal an meinen eigenen Erwartungen und Werten messen lassen will, dann muss ich das Futur II zwar nicht in meinen Sprachgebrauch übernehmen, aber ich muss darauf schauen, was jetzt ist, erkennen, dass nicht alles gut ist, dass ich etwas tun muss, wenn es besser werden soll, und ich muss jetzt entscheiden, was davon später wichtig sein wird, damit ich mit all dem anderen Schwachsinn aufhören kann. Diese Fragen muss jeder für sich beantworten, denn jedem und jeder sind andere Dinge wichtig. Das zu sagen, klingt banal. Wer aber wirklich darüber nachdenkt, was am Ende gelebt worden sein sollte oder wollte, erkennt, dass die wenigen Dinge, die einem wirklich wichtig sind, auch immer eine gemeinschaftliche oder gesellschaftliche Komponente beinhalten. Letztendlich ist dies dann auch der einzige Weg zurück in den Flow, sich mit dem zu beschäftigen, was einen ohne Doping und Drogen vollkommen ausfüllt und zufrieden sein lässt. Die Nachhaltigkeit dessen stellt sich dann ganz von selbst ein – ganz sicher.

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Hier ein paar Links zum Weiterlesen:

5 Dinge, die Sterbende bereuen: https://www.welt.de/vermischtes/article13851651/Fuenf-Dinge-die-Sterbende-am-meisten-bedauern.html

Futur Zwei: https://futurzwei.org/

Future Perfect – Stories for tomorrow, lived today everywhere: http://www.goethe.de/ins/cz/prj/fup/enindex.htm

Reasons to be cheerful: https://www.reasonstobecheerful.world/

Peter Bieri – „Wie wollen wir leben“: https://www.zeit.de/2007/24/Peter-Bieri/komplettansicht

 

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