Ich bin keine Hochleisterin

Selbsterkenntnis tut weh. Auch diese: Ich, 40, drei Kinder zwischen Teenager und Kindergarten, kann nicht Vollzeit arbeiten. Die Rahmenbedingen würden das zulassen, sicher. Ich könnte, wenn ich müsste. Natürlich bin ich privilegiert. Es gibt einen Ernährer in unserem Haushalt. Aber hatte ich das so gedacht? Diese Frage stelle ich meinem 20-jährigen, naiven Ich. Dieses Ich antwortet: Ich will alles, ich will nicht abhängig sein, und die Geselleschaft soll das möglichlich machen. Hat sie. Arbeitende Mütter sind keine Rabenmütter mehr. Von hochgebildeten Frauen mit Kindern wird heute erwartet, dass sie alles können und alles machen und alles managen. Betreuung gibt es per Gesetz, und wenn man will, kann man sie organisieren (wie anstrengend das ist, muss ich Müttern nicht erzählen). Ich könnte also auch, wenn ich müsste. Und eigentlich würde ich auch gerne, jedenfalls ein Teil von mir. Das ist jener Teil, der sich ganz im Sinne des Hyperkapitalismus am Wettbewerb orientiert und über Vergleiche definiert. Diese Prägung sitzt tief. So tief, dass sie sich mit dem Selbstwert verwoben hat. Wenn man diesen Stachel also zieht, dann tut das besonders weh. Ich möchte immer noch erfolgreich sein, viel Geld verdienen und Anerkennung erfahren für meine Leistungen. Das Problem ist, dass ich nicht nach den Spielregeln unserer Gesellschaft spielen kann, nicht ohne Doping, Drogen, Medikamente oder Vollzeit-Hilfen von den Philippinen, die in meinem Haus wohnen und sowohl Haushalt als auch Kinder versorgen. Nichts davon will ich. Ich will meinen Köper nicht fit spritzen für Geld und Anerkennung. Und ich will nicht, dass jemand meine Kinder versorgt, dafür aber die eigenen höchstens einmal im Jahr sieht und keine Chance auf ein eigenes Privatleben hat. Ich will nicht 70 Stunden in der Woche für die Karriere arbeiten und meine Familie als störend empfinden. Aber das ist mehr als der pure Unwille. Auch ich arbeite phasenweise viel, und ich fühle mich dabei gut, phasenweise zumindest. Denn lange halte ich dieses Tempo körperlich nicht durch. Ich werde niedergestreckt, und weil man sich das mit kleinen Kindern gar nicht erlauben kann, rennt man doch mit dem Kopf unter dem Arm herum, damit das System nicht kollabiert, bis man selbst kollabiert. Und hier kommen wir zu dem Teil, der anzuerkennen mir schwer fällt.

Ich kann nicht ab sieben Uhr irgendwo sitzen und gedankliche Höchstleistungen bringen. Ich bin eine Eule, so wie meine Kinder übrigens auch. Ich komme morgens schlecht aus dem Bett und bin froh, wenn alle Kinder nach halb neun in ihren Institution sind und ich langsam wach werden kann. Ich habe niedrigen Blutdruck. Meist erst gegen elf bin ich so warm, dass ich mich konzentrieren kann. Wenn ich meine Periode habe, ist es noch schlimmer. Oft überfällt mich schon zwei Tage vor Beginn der Blutung eine große Mattigkeit, manchmal fühle ich mich auch regelrecht krank. Es gibt Tage, da lege ich mich nach den morgendlichen Pflichten noch einmal ins Bett für ein bis zwei Stunden. Früher habe ich mich an solchen Tagen krank gemeldet. Das hier zu schreiben ist für mich wie ein Geständnis. Warum? Weil ich sie höre, die Stimmen aus allen Winkeln der Gesellschaft: „Mach dich nicht abhängig von einem Mann!“ „Du bist top ausgebildet, jetzt mach was daraus!“ „Das schaffen andere ja wohl auch.“  „Nur wer viel arbeitet, ist was wert und hat ein Recht auf Erholung.“ „Memm nicht so rum und reiß dich zusammen.““Nimm halt was dagegen.“ Leider sind die Kommentare auf Margarete Stokowskis Artikel, in dem sie sich als Langschläferin outet, nicht mehr aufrufbar. Da sind meine vorgestellten Stimmen als freundliche Erkundigungen zu werten. Auch so eine, die aus der Norm fällt und es wagt, diese durch ihr gewähltes Lebensmodell in Frage zu stellen. Ich bin da ja eher unsichtbar, weil ich ab früh auf den Beinen bin. Dass ich mich wie ein Zombie fühle, kriegt meist keiner mit, da ich von daheim arbeite.

Ich bin es leid, mich rechtfertigen zu müssen und meine Erziehungsarbeit herauszustellen, als Entschuldigung, dass ich nicht mehr auf die Kette kriege, obwohl es ja stimmt oder zumindest ein Teil der Erklärung ist. Ich will das einfach nicht mehr. Auch deshalb schreibe ich das hier alles auf, damit die Akzeptanz meiner Konstitution und meines Lebensmodells irgendwann nicht mehr weh tut. Natürlich schaffen das andere. Ich kenne sie persönlich. Da fallen dann Sätze wie: „Die letzten Wochen haben mir ganz schön das Genick gebrochen. Jetzt habe ich einen Hörsturz.“ (eine befreundete Wissenschaftlerin mit zwei Kindern) oder „Am Wochenende sind die Kinder abwechselnd bei Freundinnen, damit ich arbeiten kann.“ (eine andere befreundete Wissenschaftlerin mit zwei Kindern). Das sind die Hochleisterinnen in unserer Gesellschaft. Die Bewunderten, die Alles-Schafferinnen, die Vorbilder. Die Nöte dahinter sehen nur wenige.

Natürlich könnte ich, wenn ich wollte. Meine Lebensgestaltung ist natürlich zuerst einmal eine Entscheidung. Ich bin ja objektiv gesehen arbeitsfähig. Wohl gemerkt ist sie jedoch ein Entscheidung gegen mächtige Zwänge, gegen eine gesellschaftlich respektable Karriere, gegen die Frühaufsteher-Norm, gegen den Erwartungsdruck, gegen die eigenen Ansprüche und Vorstellungen, wer man sein möchte und was man darstellen will. Meine Entscheidung ist ein Affront gegen die kapitalistische Leistungslogik, und gegen mich selbst, weil ich diese Logik internalisiert habe. Und wenn ich jetzt „Ja“ sage zu dieser Entscheidung, dann ist das nicht inbrünstig, sondern immer noch ziemlich unsicher, verzagt und auch mit Traurigkeit verbunden, weil mir vieles, was mein 20-jähriges Ich sich wünschte, verwehrt bleiben wird. Weil mein Weg mit Unsicherheit und Abhängigkeit verbunden ist, weil ich allein für meinen Selbstwert sorgen muss. Aber den Preis für den Geltungsdrang bin ich nicht mehr bereit zu zahlen. Denn auch diese Menschen kenne oder kannte ich, die Menschen im Hamsterrad, denen das Hamsterrad Lebensinhalt wurde und die irgendwann entkräftet, depressiv oder tot herausfielen.

Wenn ich heute stürbe (was nicht unmöglich ist – letztes Jahr starb eine 36 Jahre alte Bekannte und Mutter einer Tochter an Brustkrebs), ich hätte (Achtung, jetzt kann ich Ihnen ein wenig Sentimentatlität nicht ersparen) an jedem Tag bewusst geliebt. Nicht nur meine Familie, sondern auch meine Freunde, meine Studierenden, meine Kollegen – und ja, auch meine Arbeit (Liebe ganz unromantisch gemeint, am Grad der Lebensfreude orientiert). Weil ich Zeit dafür hatte, weil ich gesund war, weil ich mich für ein langsameres Leben entschieden habe und dieses bewusst – auch gegen Widerstände – gewählt habe. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die das anerkennt und fördert. Eine flexiblere, gerechtere Gesellschaft, die nicht nur diejenigen belohnt, die sich krank arbeiten oder auf ein Privatleben verzichten (und manche werden ja nicht einmal dann belohnt, aber das führt an dieser Stelle zu weit). Eine im wahrsten Sinne und mit aller Konsequenz pluralistische Gesellschaft, die Türen öffnet für alternative Wege jenseits der Norm.

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Zum Weiterlesen: ein Zeit-Interview mit der Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) Jutta Allmendinger, eine Hochleisterin und selbsternannte Wochenendmutter über das Thema Frauen und Berufstätigkeit.

Und hier ein weiteres Interview mit Frau Allmendinger über das Thema Arbeit, Selbstwahrnehmung und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

7 Kommentare zu „Ich bin keine Hochleisterin

  1. „Natürlich bin ich privilegiert. Es gibt einen Ernährer in unserem Haushalt.“
    Also ist das alles möglich, weil da noch jemand ist, der Ihnen den Rücken frei hält, ggf. der Vater Ihrer Kinder?
    Ich wünsche mir viel eher eine Gesellschaft, die fördert, dass Väter mehr Verantwortung für Ihre Familien / Kinder übernehmen, damit die Frauen nicht auf ihre Karriere verzichten müssen. Die traditionellen Rollenbilder werden leider von einem überwiegenden Teil der Bevölkerung anerkannt und vom Staat gefördert.

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    1. Vielen Dank für Ihre Nachricht. Meines Erachtens ist es nicht – oder nur unter größtmöglicher Anstrengung und Vernachlässigung der eigenen Gesundheit – möglich, dass beide Partner gleichermaßen und zur selben Zeit (in der Rush Hour des Lebens) Karriere machen, wenn man ein Elternschaftsideal vertritt, das auf Bindung und Begleitung fußt.

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      1. Was bedeutet denn Karriere für Sie? Kann man die nicht zu einem späteren Zeitpunkt machen? Teilzeit können auch beide Partner gleichzeitig machen und sich die Familienarbeit teilen. Warum bleibt das überwiegend bei den Frauen hängen? Das ist immer noch gesellschaftlich so gewollt. Vor wem haben Sie das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen, vor sich selbst? Sie können es ja mal umgekehrt versuchen: Ihr Partner bleibt zu Hause und sie gehen arbeiten (von mir aus auch machen Sie KIarriere). Dann werden Sie erleben, dass die Anfeindungen kein Gefühl sondern Realität sind.

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      2. Ich stimme Ihnen zu. Teilzeit bei vollem Lohn wäre eine wunderbare Möglichkeit, dass beide Partner sich sowohl der Erziehung als auch der Arbeit widmen. Ein Rollentausch ist ja nicht immer finanziell realisierbar. Wenn man diesen vollzieht, muss man jedoch auch bereit sein, Verantwortung im familiären Bereich abzugeben und auf einen Gutteil der Familienzeit zu verzichten. Ich finde das nicht ideal, egal wer nun das Geld nach Hause bringt. Was ich beklage, ist die gesteigerte Erwartungshaltung, dass Frauen zusätzlich zu Haushalt und Kindern auch noch tolle berufliche Erfolge hinlegen sollen und viele das auch wollen. Für Männer ist er Druck auf der Haushalts- und Familienseite jedoch nicht proportional gestiegen. Dafür werden immer noch zu wenige Lösungen konsequent verfolgt bzw. zu oft behindert. Mir fiele da vieles ein, was Teil der Lösung sein kann: Geteilte Führung, flexiblere Arbeitzeiten und Arbeitsorte, bedingungsloses Grundeinkommen, oben erwähnte Teilzeit bei vollem Lohn, eine Aufwertung und finanzielle Ermöglichung der familiären Pflege- und Erziehungsarbeit (hier geht es ja auch um alte Menschen) … Ich habe gemerkt, dass ich unter diesen Umständen und in dieser Lebensphase keine Karriere machen kann und möchte, dafür sind mir meine Gesundheit und meine Familie einfach zu schade.

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  2. Hallo und Danke für den Artikel,

    ich bin von diesem Artikel von Ihnen hier hergeleitet worden: https://www.xing.com/news/insiders/articles/die-eine-erkenntnis-die-fast-alle-top-leader-verinnerlicht-haben-2971385

    Ich möchte ihnen gern mutmachen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und lieber etwas weniger eigenes Wasser ins Meer der Leistungsgesellschaft hineinzuschütten. Wenn man möchte kann man das auch Volkswirtschaftlich bilanzieren und sagen die vielen Menschen die im Leistungssystem zerrieben werden stellen für die Gesellschaft auch enorme Kosten dar.

    Ich selbst bin Frühaufsteher, ich springe um 6Uhr voller Energie aus dem Bett und ohne etwas zu essen direkt auf Arbeit. Als ich noch kein Familienpapa war, konnte ich auch gleich im Bett bleiben und von da arbeiten. Ich habe volle Leistungsfähigkeit am Vormittag. Bis etwa 11Uhr, dann fängt mein Mittagszyklus an. Ich mache sehr lange Mittag und fange erst wieder gegen 15-16Uhr an aus dem Mittagstief rauszukommen. Gegen 20Uhr erreiche ich das nächste Leistungsmaximum das ich dan bis etwa 23Uhr abrufen kann. Aber allerspätestens 24Uhr fallenmir die Augen zu. So wäre es in einer idealen Welt. Als selbständiger Single konnte ich das noch machen und ich liebte es. Seit ich wieder angestellt und glücklicher Papa bin, geht das alles nicht mehr. Es ist wahnsinning viel schwerer geworden eine gute „Work-Life-Balance“ hinzubekommen.

    Sie sagen im Artikel, dass ihr 20jähriges Ich traurig ist, keine Unabhängigkeit erreicht zu haben und gleichzeitig hetzen sie dem wirtschaftlichen Erfolg (aka. Unabhängigkeit) hinterher. Für mich ist das die Grundursache wesswegen die Menschen bei uns zwar irrsinning reich sind, es uns sehr sehr gut geht, sie sich aber gleichzeitig total unglücklich fühlen. Denn ich glaube, Unabhängigkeit ist unmöglich und eine Neoliberale Konstruktion. Menschen sind soziale Wesen, nicht nur unser direktes Überleben wäre ohne eine Gruppe von uns unmöglich (viele andere Tiere können ohne Eltern und Gruppe überleben) sondern auch der unglaubliche Entwicklungsschritt den wir erreicht haben, ist nicht ohne andere Menschen erreicht worden, und auch nicht ohne andere Menschen haltbar. Mal ganz davon abgesehen, dass viele von uns ohne andere Menschen mental eingehen würden. Wir sind permanent, auf das Wohlwollen, die Kooperation und das Teilen durch andere Menschen angewiesen.

    Der Neoliberalismus strebt aber die Vereinzelung des Menschen an, da damit der Markt potentieller Kunden größer ist als wenn Menschen alles teilen würden. Da dieses Markpotiential aber schon sehr lange erreicht wurde (jeder Mensch kann und will alles haben) werden ständig weitere neue virtuelle oder irrationale Abgrenzungen erfunden zu denen oder gegen die sich Menschen positionieren können, um ständig größere Märke zu schaffen.
    Ein Beispiel früher hatte Spielzeug irgendeine Farbe. Kinder konnten problemlos geschlechtsübergreifend das Spielzeug der älteren Geschwister übernehmen. Heute wird dagegen jedes Spielzeug auf ein fikitves konstruiertes Geschlecht projeziert. Fängt man einmal damit an sich auf eine der Strömungen einzulassen ist es sehr schwer diese wieder zu verlassen. Das gleiche Schema verfolgen Marken und Moden.

    Viele Grüße
    R

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    1. Danke!!! für diese ausführliche Antwort und die inhaltliche Erweiterung und Ausformulierung Ihrer Gedanken zu Erfolg, Unabhängigkeit und Konsum. Meistens fühlt es sich gut an, zu tun, was ich liebe. Manchmal kommen aber auch die fiesen Prägungen zum Vorschein.

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  3. Cooler Text, politicalmama! Ich fühle mit: dass es eigentlich möglich wäre, trotz Kindern Hochleisterin zu sein – dass die konkreten Strukturen das hergeben würden – wenn man nur wollte /sich konkret Gelegenheit böte… . Ach! Dieses Unbehagen, unter den eigenen Möglichkeiten zu verbleiben! Immer diese fiese Frage an mich selbst: will ich nicht (eine bewunderte Hochleisterin sein), weil ich heimlich ahne, gar nicht fähig zu sein? Oder will ich nicht, weil ich mich wirklich ganz frei dagegen entscheide….?
    Es gibt Ja auch Hochleisterinnen ohne Hörsturz und sogar mit Zeit für die Kinder. (- Verdammt!)

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