Ich bin keine Hochleisterin

Selbsterkenntnis tut weh. Auch diese: Ich, 40, drei Kinder zwischen Teenager und Kindergarten, kann nicht Vollzeit arbeiten. Die Rahmenbedingen würden das zulassen, sicher. Ich könnte, wenn ich müsste. Natürlich bin ich privilegiert. Es gibt einen Ernährer in unserem Haushalt. Aber hatte ich das so gedacht? Diese Frage stelle ich meinem 20-jährigen, naiven Ich. Dieses Ich antwortet: Ich will alles, ich will nicht abhängig sein, und die Geselleschaft soll das möglichlich machen. Hat sie. Arbeitende Mütter sind keine Rabenmütter mehr. Von hochgebildeten Frauen mit Kindern wird heute erwartet, dass sie alles können und alles machen und alles managen. Betreuung gibt es per Gesetz, und wenn man will, kann man sie organisieren (wie anstrengend das ist, muss ich Müttern nicht erzählen). Ich könnte also auch, wenn ich müsste. Und eigentlich würde ich auch gerne, jedenfalls ein Teil von mir. Das ist jener Teil, der sich ganz im Sinne des Hyperkapitalismus am Wettbewerb orientiert und über Vergleiche definiert. Diese Prägung sitzt tief. So tief, dass sie sich mit dem Selbstwert verwoben hat. Wenn man diesen Stachel also zieht, dann tut das besonders weh. Ich möchte immer noch erfolgreich sein, viel Geld verdienen und Anerkennung erfahren für meine Leistungen. Das Problem ist, dass ich nicht nach den Spielregeln unserer Gesellschaft spielen kann, nicht ohne Doping, Drogen, Medikamente oder Vollzeit-Hilfen von den Philippinen, die in meinem Haus wohnen und sowohl Haushalt als auch Kinder versorgen. Nichts davon will ich. Ich will meinen Köper nicht fit spritzen für Geld und Anerkennung. Und ich will nicht, dass jemand meine Kinder versorgt, dafür aber die eigenen höchstens einmal im Jahr sieht und keine Chance auf ein eigenes Privatleben hat. Ich will nicht 70 Stunden in der Woche für die Karriere arbeiten und meine Familie als störend empfinden. Aber das ist mehr als der pure Unwille. Auch ich arbeite phasenweise viel, und ich fühle mich dabei gut, phasenweise zumindest. Denn lange halte ich dieses Tempo körperlich nicht durch. Ich werde niedergestreckt, und weil man sich das mit kleinen Kindern gar nicht erlauben kann, rennt man doch mit dem Kopf unter dem Arm herum, damit das System nicht kollabiert, bis man selbst kollabiert. Und hier kommen wir zu dem Teil, der anzuerkennen mir schwer fällt.

Ich kann nicht ab sieben Uhr irgendwo sitzen und gedankliche Höchstleistungen bringen. Ich bin eine Eule, so wie meine Kinder übrigens auch. Ich komme morgens schlecht aus dem Bett und bin froh, wenn alle Kinder nach halb neun in ihren Institution sind und ich langsam wach werden kann. Ich habe niedrigen Blutdruck. Meist erst gegen elf bin ich so warm, dass ich mich konzentrieren kann. Wenn ich meine Periode habe, ist es noch schlimmer. Oft überfällt mich schon zwei Tage vor Beginn der Blutung eine große Mattigkeit, manchmal fühle ich mich auch regelrecht krank. Es gibt Tage, da lege ich mich nach den morgendlichen Pflichten noch einmal ins Bett für ein bis zwei Stunden. Früher habe ich mich an solchen Tagen krank gemeldet. Das hier zu schreiben ist für mich wie ein Geständnis. Warum? Weil ich sie höre, die Stimmen aus allen Winkeln der Gesellschaft: „Mach dich nicht abhängig von einem Mann!“ „Du bist top ausgebildet, jetzt mach was daraus!“ „Das schaffen andere ja wohl auch.“  „Nur wer viel arbeitet, ist was wert und hat ein Recht auf Erholung.“ „Memm nicht so rum und reiß dich zusammen.““Nimm halt was dagegen.“ Leider sind die Kommentare auf Margarete Stokowskis Artikel, in dem sie sich als Langschläferin outet, nicht mehr aufrufbar. Da sind meine vorgestellten Stimmen als freundliche Erkundigungen zu werten. Auch so eine, die aus der Norm fällt und es wagt, diese durch ihr gewähltes Lebensmodell in Frage zu stellen. Ich bin da ja eher unsichtbar, weil ich ab früh auf den Beinen bin. Dass ich mich wie ein Zombie fühle, kriegt meist keiner mit, da ich von daheim arbeite.

Ich bin es leid, mich rechtfertigen zu müssen und meine Erziehungsarbeit herauszustellen, als Entschuldigung, dass ich nicht mehr auf die Kette kriege, obwohl es ja stimmt oder zumindest ein Teil der Erklärung ist. Ich will das einfach nicht mehr. Auch deshalb schreibe ich das hier alles auf, damit die Akzeptanz meiner Konstitution und meines Lebensmodells irgendwann nicht mehr weh tut. Natürlich schaffen das andere. Ich kenne sie persönlich. Da fallen dann Sätze wie: „Die letzten Wochen haben mir ganz schön das Genick gebrochen. Jetzt habe ich einen Hörsturz.“ (eine befreundete Wissenschaftlerin mit zwei Kindern) oder „Am Wochenende sind die Kinder abwechselnd bei Freundinnen, damit ich arbeiten kann.“ (eine andere befreundete Wissenschaftlerin mit zwei Kindern). Das sind die Hochleisterinnen in unserer Gesellschaft. Die Bewunderten, die Alles-Schafferinnen, die Vorbilder. Die Nöte dahinter sehen nur wenige.

Natürlich könnte ich, wenn ich wollte. Meine Lebensgestaltung ist natürlich zuerst einmal eine Entscheidung. Ich bin ja objektiv gesehen arbeitsfähig. Wohl gemerkt ist sie jedoch ein Entscheidung gegen mächtige Zwänge, gegen eine gesellschaftlich respektable Karriere, gegen die Frühaufsteher-Norm, gegen den Erwartungsdruck, gegen die eigenen Ansprüche und Vorstellungen, wer man sein möchte und was man darstellen will. Meine Entscheidung ist ein Affront gegen die kapitalistische Leistungslogik, und gegen mich selbst, weil ich diese Logik internalisiert habe. Und wenn ich jetzt „Ja“ sage zu dieser Entscheidung, dann ist das nicht inbrünstig, sondern immer noch ziemlich unsicher, verzagt und auch mit Traurigkeit verbunden, weil mir vieles, was mein 20-jähriges Ich sich wünschte, verwehrt bleiben wird. Weil mein Weg mit Unsicherheit und Abhängigkeit verbunden ist, weil ich allein für meinen Selbstwert sorgen muss. Aber den Preis für den Geltungsdrang bin ich nicht mehr bereit zu zahlen. Denn auch diese Menschen kenne oder kannte ich, die Menschen im Hamsterrad, denen das Hamsterrad Lebensinhalt wurde und die irgendwann entkräftet, depressiv oder tot herausfielen.

Wenn ich heute stürbe (was nicht unmöglich ist – letztes Jahr starb eine 36 Jahre alte Bekannte und Mutter einer Tochter an Brustkrebs), ich hätte (Achtung, jetzt kann ich Ihnen ein wenig Sentimentatlität nicht ersparen) an jedem Tag bewusst geliebt. Nicht nur meine Familie, sondern auch meine Freunde, meine Studierenden, meine Kollegen – und ja, auch meine Arbeit (Liebe ganz unromantisch gemeint, am Grad der Lebensfreude orientiert). Weil ich Zeit dafür hatte, weil ich gesund war, weil ich mich für ein langsameres Leben entschieden habe und dieses bewusst – auch gegen Widerstände – gewählt habe. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die das anerkennt und fördert. Eine flexiblere, gerechtere Gesellschaft, die nicht nur diejenigen belohnt, die sich krank arbeiten oder auf ein Privatleben verzichten (und manche werden ja nicht einmal dann belohnt, aber das führt an dieser Stelle zu weit). Eine im wahrsten Sinne und mit aller Konsequenz pluralistische Gesellschaft, die Türen öffnet für alternative Wege jenseits der Norm.

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Zum Weiterlesen: ein Zeit-Interview mit der Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) Jutta Allmendinger, eine Hochleisterin und selbsternannte Wochenendmutter über das Thema Frauen und Berufstätigkeit.

Und hier ein weiteres Interview mit Frau Allmendinger über das Thema Arbeit, Selbstwahrnehmung und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

The Freedom we Lost, the Life we Gained, Part I

This summer I watched two movies that both moved me deeply. They stroke a chord in me because they spoke of something that has become my topic over the eleven years of being a parent. The first movie I saw was „Tully“ which I will talk about in this post. The second was „Ladybird“ which I will discuss in a different post later on.

For those who haven’t seen „Tully“ yet, here is a short summary which won’t spoil the movie for you:

Marlo is a mother of two who is expecting her third child which was not planned. When the baby arrives she quickly feels exhausted by caring for and basically being alone with three children, her husband working full time and her second born having serious emotional control problems. Her financially very well-off brother suggests to hire a night-nanny so that Marlo can sleep. At first reluctant, Marlo decides to give it a try and this is when Tully appears. The two very different women develop a close friendship and in the end there’s a very cool twist to the story.

I found myself alone in a theater because I hadn’t been able to find a female friend to accompany me. Sometimes I feel like going out and I start calling the women who are possible companions for a girl’s night out and – believe me or not – I am never successful. Everybody is fully booked for the next three weekends, too exhausted, watching their children, looking forward to a cozy evening with their husband, working, etcetera. I don’t have a problem with sitting alone in a movie theater, I sometimes rather enjoy it for it gives me the opportunity to be alone with my thoughts and not feeling obliged to make friendly conversations before or afterwards. However, it is striking that literally nobody, expecially not mothers, can go out nowadays without making an appointment, which – funny enough – is part of the problem I encountered to be the core of that movie.

While I was sitting in the darkness of that movie theater and watching Marlo, this witty, sarcastic and down to earth mother struggling with herself, her body, her family and this whole thing of being a mother, who is literally not capable of being something else in this life, her life, I thought: „Yes, that’s it! That’s what’s it’s like. It sucks – and you love every part of it. At least in retrospect.“ And then there comes Tully, the night-nanny who helps Marlo regain strength. She peeps around the door and you immediately fall in love with her. She is funny, wise, loving, caring, unconventional, she speaks her mind freely without hurting anyone and she knows exactly what a woman needs and feels after birth. She takes care of the baby and of the mother.  But she is also incredibly young, adventurous, beautiful, sexy and free! Thus, she is quite the opposite of what a (newly parted) mother feels like. It is wonderful to watch this young woman, but it also hurts big time because, in my way of seeing it, Tully is the woman I lost when I became a mother, and she is the woman I always strived to be: young AND wise, responsible AND free. That this is utterly impossible should be obvious to everyone. Wisdom comes for the price of youth, becoming the most important being in someone’s life comes for the price of freedom. It’s a trade-off.  But still, by watching this movie, I suddenly understood that over the years I had forgotten to cultivate something in my life that is an integral part of my personality, which is feeling free!

Babies and young children make us 24-7 carers, and that means – of course – the renouncement of a lot of personal freedom. I know of nothing else that is more fulfilling and rewarding than accompanying the development of a child. And because this is the way it is, some women, including me, tend to forget that there’s a life beside all those resposibilities; or they know but think they don’t care because inside their thought system the well-being of family is much more important than personal fulfillment. So they think, so I think sometimes. When I stepped out of the theatre I was a bit down because, having several years of caring ahead of me, I thought that by the time I would feel free again I would have lost my youth. I also got angry because I never pictured myself as a 24-7 carer for decades. I began to look for that Tully in me, that young, adventurous, and sexy woman and realised that I needed to be care-free to feel that envigorating energy again.

Being spontaneous is the first thing that is eradicated from one’s life when you are responsible for a child. And, I dare say, it is the one thing that mothers miss the most in our society when they become a parent. I carefully say mothers because it is them who carry and nurture their children with their bodies the first nine months and it mostly them who stay at home the first weeks or months after birth. Mother and child are one and that doesn’t stop just because they are parted physically after the child is out. It’s much like Tully says to Marlo: „You pretty much are the baby. Her cells will hang around in your bloodstream for years. Right now she’s very much an extension of you. I mean, you built her from the toes up.“ Over the months and years of motherhood during which I really became a mother it was exactly that: having that extra-ordinary bond to my children that overjoyed me – and scared me – and outraged me. I felt a tremendous love, I was overwhelmed by the huge responsibility, and I felt stuck like an animal in a cage, because just like an animal I was completely unaware of the abundant liberties I had had before I became encaged. I somehow believed I could pursue my life exactly like before with the little add-on of a „cuddly thing“ to love unconditionally. Whereas love and resposibility make me feel complete, proud, and stronger than I ever felt, it’s the limitation of my personal space that I feel indignated about even after all those years. There were times in my life when I thought: „Where am I? Has my self completely dispersed in being the engine and lubricant for this family?“ I never thought that being a mother was my vocation in this life, I always wanted everything: a family, a fulfilling job outside the house, analogous friends (not only on Facebook), a meaningful relationship. Over the years it dawned on me that „having it all“ was something I couldn’t get if I wanted to remain sane.

When I was young I sometimes thought I could do anything. I literally felt no restrictions, which is of course the way that girls should be raised. I was completely unaware of my priviledged life that, when I became a mother, I naively thought that a child was a multiplier of my happiness and that other than that nothing would change. How bitter is it to learn that in fact there are restrictions, that everything comes with a price, and that when you decide to go through one door at least two will close. Women in western societies today are freer than before, but it is still us who grow children inside of us. So, we have this bunch of opportunities and see them cut down once we’ve become mothers. Or, we become mothers and decide to pursue an outward life but need to admit that we spend less time with our children than we originally wanted. Naturally not every mother feels that living with children is a constant trade-off. How they do it, I don’t know. However, I always wanted to be more than a mother and a housewife and my answer to the missing concepts for parents in the workforce was to be perfect under any condition.

I feel mothers in the 21st century are under an immense pressure to be and have everything at the same time: perfect body, perfect house, perfect face, perfect career, perfect cooking skills, perfect educator, perfect friend, perfect lover, perfect wife. It’s impossible! These are two many roles for three lives and they contradict each other often. And if you try to live out only three of those qualities you run around with a bad conscience all the time because you can’t get it right neither way. Moreover, what we as responsible carers of our families do all the time is „doing something in order to“. Everything we do has an objective, a purpose, and that is either because the nature of the action is as such (e.g. telling your children a million times to wash their hands before they sit down to eat) or – what I consider a disease of our time – because we create an objective to everything we do. Nothing we do is simple joy, which should be the real purpose of our actions. Think about the expression „to spend quality time with one’s children“. It doesn’t suffice to simply play with the your children, run around, collect sticks, throw balls, or look at the clouds because it is fun to do those things. Time is spent and used efficiently to meet some future goal (e.g. the success of one’s offspring). Under this economic logic of optimising processes for the greatest possible return, living in a family becomes extremely stressful because caring, the very action that signifies a family, becomes a means which is fueled by fear whereas it should be an end powered by love.

Being resposible for the well-being of a child, in fact, often means worrying – but worrying tightens the heart and makes you unfree. In German there is a very technical word for the person who is the principal care-taker of a child, which is used in legal contexts, it’s called Sorgeberechtigter. Translated literally it means „person who has the right to worry“, whereas worrying „sorgen“ in German means two things: fearing for someone and taking care of someone. Thus, this one word covers the whole dimension of parenthood: having the right to lovingly care for a tiny being and help it grow and thrive, and at the same time being out of your mind for fear because your childs arrives home five minutes late. If you – like my pre-mother-me – thought unconditional love comes for free, you are wrong. Your right to love and be loved unconditionally comes with – to stay in that picture – the resposibility to worry.

What a lot of women try to do nowadays in my perception however is, that they can’t stop worrying or caring. They feel responsible and in charge of everything and everyone 24-7, 365 days of the year. Families and especially mothers invest so much money, energy, and brain capcity in child rearing that many feel completely exhausted and empty. They feel an immense pressure to do a good job on their children, to love them right, to support their academic, emotional, social, physical, and creative development, to give them the correct mix of nutrition, to make them happy and successful adults, and if things – I mean children – don’t work as planned, it’s mothers who feel guilty. Children are projects in these days and their success is what families work for.  Underlying all this is a radically increased fear to fail and a respectively increased pressure to be perfect. And if you hang around Facebook in your scarce free time, things tend to get worse as everyone seems to be happier and more beautiful than you. But families don’t work according to the economic logic of the more you invest the greater the outcome. The opposite isn’t true either, but what’s definitely true is that children need happy parents. Children immediately take center stage once they are there. It’s hard to not lose oneself out of focus. When Marlo’s husband realises the critical condition that she is heading to, he says: „If you want to run off or something, I get that, because I want to do that too sometimes, but I’m not gonna.“ Running off was something I fantasised about several times when I felt crowed out of my life by all those expectations and responsibilities, by all those people! Remembering what made me as a grown-up feel happy before I had kids was the first step out of this constant caring-worrying mode – and I needed to step out because I realised that I have to switch roles in order to survive this mad house of a family and become happy enough to be the best mother on earth.

What all people need in order to stay mentally and physically healthy are care-free zones and times, in which they can be who they want to be and not what is expected of them. Freedom doesn’t come for free, though. No one is going to walk up to an exhausted mother and tell her: „Here is your time off.“ Why? Because, no one notices her exhaustion; or they do, but they feel unable to help her because they are themselves so caught up in their overly full lives. Mothers need to understand that „having it all“ or „being perfect“ comes for the price of giving themselves up. Child rearing is not a job for one person alone, we need to start asking for help and we need to learn to let go. During a conversation, Marlo complains to Tully: „Children are like barnacles.“ and Tully answers: „Barnacles destroy ships, but they are harmless for whales. What are you, ship or whale?“  Even though a whale is not my preferred state of being, I say: rather whale than sunk ship. A whale is still free enough in the wide of the ocean with or without barnacles. Caring sucks up energy, refueling lies in letting go of those expectation that make us our own slaves.

This revelation came to me once when I had to be out of town for a couple of days and I had forgotten to tell my husband the schedules and itineraries for school mornings and hobby afternoons. When I realised this, it was already to late to call and instruct him – so, after getting really nervous I stopped and thought: „OK, if it doesn’t work out, what’s the harm, really? They might get to school a bit late, they might even have no second breakfast for school or it will consist of only sweet stuff, and they might miss one music practise. Will that have a lasting effect on their development? NO, OF COURSE NOT!“ When I called home in the evening, I was awe struck that he had managed everything perfectly without my instructions. On the one hand, that was quite hard for me because I had to admit to myself that I was less indispensable than I thought. On the other hand, it was a tremendous relief because I had learned that I didn’t have to be everybody’s manager all the time and under all conditions, and I saw that it is no catastrophe if things are handled differently than usual.

Responsibility is just one side of being grown-up. We all grew up to take care of ourselves. We should remember that more often and give the child in us some more of the space that it set out to explore when it left home. I hope more people – men and women – will start realising this, so I have a chance to spend a nice evening in company next time I feel adventurous.

Wie wollen wir leben – wie wollen wir gelebt haben?

Hier eine kleine Wissensfrage: Welcher Tempusform bedient sich der zweite Teil des Titels? Na? Ich werde die Lösung gleich verraten, und wenn ich es gesagt haben werde, werdet ihr sagen: „Ach ja, na klar, das war doch damals in der 6. oder 7. Klasse, da haben wir das gelernt, und gleich wieder vergessen, benutzt man ja nicht in der Alltagssprache.“ Die Rede ist vom Futur II, eine tatsächlich fast gänzlich ausgestorbene Form der Verbenflexion. Ich möchte hier zwar nicht ins Horn der Sprachverfallsapologeten stoßen, denn ich fühle mich der Linguistik insofern verbunden, als dass ich die Sprache als etwas betrachte, dass sich mit seinen SprecherInnen und ihren Lebensumständen wandelt. Dennoch denke ich, dass es sich lohnt, das Futur II einmal aus der Mottenkiste zu holen und sich dessen Bedeutung klarzumachen. Denn auch davon bin ich überzeugt: Sprache eröffnet Denkräume und konstruiert die Welt. Was also drückt das Futur II aus? Das Futur II beschreibt die gedankliche Antizipation eines Ergebnisses einer (bereits begonnenen) Handlung, deren Ausgang in die Zukunft fortwirkt. Es verbindet –  und das kann kein anderes Tempus – alle drei uns bekannten Zeitebenen und eröffnet damit eine ganz neue Perspektive, denn während ich das Futur II verwende, befinde ich mich in der Gegenwart, befördere mich aber gedanklich an einen Punkt in der Zukunft, von dem aus ich zurückblicke in die Vergangenheit, die aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch Zukunft bzw. gerade stattfindende Gegenwart ist. Das Futur II ist somit immer das Ergebnis gegenwärtigen Handelns und zugleich Ausgangspunkt, also Bedingung für zukünftiges Geschehen, so verwendet im zweiten Satz dieses Artikels. Aus dieser Hybridstellung zwischen Präsens und Futur heraus entwickelt das Futur II seine ganze Kraft. Wenn ich das Futur II benutze, bin ich dazu gezwungen, mich und meine Situation ganzheitlicher zu reflektieren und Verbindlichkeiten einzugehen. Ein ganz normaler Satz wie: „Ich mache das morgen fertig“, bekommt im Futur I schon eine Nuance Verbindlichkeit hinzu. Während der Satz im Präsens wie Aufschieberitis, oder – um den wissenschaftlichen Begriff zu verwenden – Prokrastination klingen kann, hat ein „Ich werde das morgen fertig machen“ viel mehr von einer konkreten Absichtserklärung. Wenn ich nun sage: „Ich werde das morgen fertig gemacht haben“, so lasse ich keinen Zweifel daran, dass ich mein Projekt morgen abschließe/abschließen werde/abgeschlossen haben werde. Wem immer ich diese Vision projiziere, nur mir selbst oder aber meinen Projektpartnern, demgegenüber bin ich mit diesen Worten in der Verantwortung. Der Auslegungsspielraum verengt sich mit dem Futur II, die Achtsamkeit für den Zusammenhang von Ist- und Sollzustand und für die daraus resultierenden Folgen erweitert sich jedoch. Wer im Futur II spricht, muss sich darüber Gedanken machen, wo er oder sie gerade steht, wie sie oder er mit dem festgelegten Zeitrahmen umzugehen vermag und welche Konsequenzen oder Erwartungen als Folge der vorhergesagten Handlung entstehen können. Das Futur II fordert uns also auf, uns gemäß unserer Versprechen zu verhalten. Besonders deutlich wird dies mit dem folgenden Satz: „Ich werde mein Zimmer aufgeräumt haben, wenn du zurückkommst.“ Mal abgesehen davon, dass meine Kinder fast nie aufräumen und ich auf solch eine Ankündigung warten kann, bis ich schwarz werde, würde ich nach diesem Satz die berechtigte Erwartung hegen, dass das Zimmer nach meiner Rückkehr wieder betretbar sein wird – und vielleicht sogar die Spülmaschine ausgeräumt wurde – hmm, OK, wahrscheinlich nicht, aber man wird ja noch träumen dürfen. Aber ihr seht, das Futur II erweitert Denkräume, sodass vielleicht doch irgendwann das Unmöglich geschieht. Wenn das Angekündigte nicht eintrifft, bin ich zumindest enttäuscht, weil es definitiv formuliert wurde als Ergebnis, als Ziel, dessen Erreichen an einen zeitlichen Rahmen gebunden war.

Auch wir Lebewesen sind an einen zeitlichen Rahmen gebunden. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Wir leben jedoch, als würde alles immer so weitergehen, als gäbe es immer eine weitere Option, eine neue Chance, ein zweites Leben, noch eine Erde. Ich möchte hier nicht ins Moralisieren verfallen. Im Zustand des Präsens erfährt man das Leben unmittelbar, und das geht uns auf unserem Lebensweg leider viel zu schnell verloren, weil wir so sehr damit beschäftigt sind zu planen, zu organisieren, kurzfristige Ziele zu erreichen. Wer schaut nicht auf seine Kindheit und Jugend zurück und möchte noch einmal so spielen oder so tanzen wie damals? Was das Erleben dieser tranceartigen Zustände damals ohne Anstrengung ermöglichte, war die Unkenntnis über die oder – weil in unendlich weiter Ferne liegend – die Unsichtbarkeit der eigenen Endlichkeit. Was wir heute in unserer Gesellschaft versuchen, ist die Rückkehr in den kindlichen Flow, indem wir mit Nebelmaschinen unseren eigenen Verfall, unser Sterben, unsere Endlichkeit verbergen. Das Ganze mag jedoch nicht so recht gelingen, denn ohne Schminke und Ablenkung bleiben wir die kleine Frau oder der kleine Mann, deren Körper sekündlich altern. Diese Scharade, die viele in unserer Gesellschaft spielen, wirkt denn auch kindisch, lächerlich, maskenhaft, hysterisch. Im Präsens ist die Welt schön, so wie sie ist. Das Problem dabei ist aber, dass wir als erwachsene Menschen sehen können, dass die Welt nicht einfach nur aus sich selbst heraus schön ist, und dass sie auch an vielen Stellen sehr hässlich ist. Und weil das so ist, weil wir diese Erkenntnis im Erwachsenwerden erworben haben, stehen wir auch in der Verantwortung etwas dafür bzw. dagegen zu tun.

Wie wollen wir leben? Diese Frage kann man mit allerlei schönem Gerümpel beantworten, mit individuellen Zielen, mit Dingen, die wir besitzen wollen. Natürlich kann man als Antwort auch eine Vision einer besseren Welt entwerfen. Die Verbindlichkeit, die mich erst ins Handeln kommen lässt, bleibt mit der bloßen Formulierung einer Vision allerdings aus. Wenn ich jedoch frage, wie wollen wir gelebt haben, dann zwingt mich das Futur II dazu, mein jetziges Tun ganzheitlich, vom Ende her zu reflektieren – und ich meine hier ausdrücklich Ende und nicht Ziel, denn mal ehrlich: welches Ziel? Wenn wir uns heute gedanklich auf unser Sterbebett projizieren, dann kommen wir ganz schnell zu den Dingen, die übrigbleiben, die es wert sind, dafür Anstrengungen zu unternehmen, die jetzt wichtig sind, die uns aber über unser mickriges Dasein hinaus überdauern. Wenn ich mich irgendwann einmal an meinen eigenen Erwartungen und Werten messen lassen will, dann muss ich das Futur II zwar nicht in meinen Sprachgebrauch übernehmen, aber ich muss darauf schauen, was jetzt ist, erkennen, dass nicht alles gut ist, dass ich etwas tun muss, wenn es besser werden soll, und ich muss jetzt entscheiden, was davon später wichtig sein wird, damit ich mit all dem anderen Schwachsinn aufhören kann. Diese Fragen muss jeder für sich beantworten, denn jedem und jeder sind andere Dinge wichtig. Das zu sagen, klingt banal. Wer aber wirklich darüber nachdenkt, was am Ende gelebt worden sein sollte oder wollte, erkennt, dass die wenigen Dinge, die einem wirklich wichtig sind, auch immer eine gemeinschaftliche oder gesellschaftliche Komponente beinhalten. Letztendlich ist dies dann auch der einzige Weg zurück in den Flow, sich mit dem zu beschäftigen, was einen ohne Doping und Drogen vollkommen ausfüllt und zufrieden sein lässt. Die Nachhaltigkeit dessen stellt sich dann ganz von selbst ein – ganz sicher.

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Hier ein paar Links zum Weiterlesen:

5 Dinge, die Sterbende bereuen: https://www.welt.de/vermischtes/article13851651/Fuenf-Dinge-die-Sterbende-am-meisten-bedauern.html

Futur Zwei: https://futurzwei.org/

Future Perfect – Stories for tomorrow, lived today everywhere: http://www.goethe.de/ins/cz/prj/fup/enindex.htm

Reasons to be cheerful: https://www.reasonstobecheerful.world/

Peter Bieri – „Wie wollen wir leben“: https://www.zeit.de/2007/24/Peter-Bieri/komplettansicht

 

Sweet Idleness

A couple of days ago I had a divine moment. No, I did not play God by seperateing the waters or igniting a bush. I would surely deserve it to be called God, though, as I am able to produce a perfect human being merely out of ejaculate. God himself needed clay for that, isn’t that something? I‘d really like to see God spending one day in my family. He would go straight back to heaven and start his emergency 7-day relaxation and recovering programme – 7 God-days that is.

However, relaxation is a good point. My divine moment was a moment of heavenly quietude (imagine God lying on a cloud with noise-cancelling headphones). I was sitting with my three children at a café of a museum feeling happy that I had made it to an exhibition and even had been able to read some of the explanatory texts to the art pieces. We had pie, pancake and lemonade and all of a sudden, for a few seconds, it was quiet. Everything was still. I could see myself sitting there, and at the same time felt myself sitting there, and I observed my eating children and the people around me, looked at the green vase and the striped wallpaper. Everything had its place, nothing needed to be different or somewhere else – not even me. I had found a tiny marble of perfection. The moment went by and I realised with a pang that I hadn’t experienced such a moment of balanced beauty, perfection and clarity for a long, long time. I was shocked. I felt like the people in Plato’s cave analogy who, when they are unbound and brought to light, see for the first time how limited their perception had been.

I started thinking why God – I use this name without calling upon any particular religion – had given me this perfect little marble in this moment and why I hadn’t received this gift earlier. When I was a child the world had been full of marbles, they came in abundance, and they were such a matter of fact that I couldn’t actually see them. I lived in a constant flow until I was nine or ten years old. Astrid Lindgren once said when questioned about her childhood: „We‘ve played and played and played, for hours, for days. It is a miracle that our playing didn’t kill us.“ In retrospect I feel the same. We played and didn’t think of yesterday or tommorrow, we were one with the moment, and if we had died then, we wouldn’t have mourned about it. When I was on the verge of adulthood there were lesser marbles, but the difference was, that now I was able to see them, which was even better than living permanently in flow without knowing. Some of these marbles I carry with me in my pocket all the time.

So, why had my life been void of marbles for such a long time. The truth is simple and sad, as often. This moment of inner peace and beauty came to me because I was able to stop and let go. I didn’t need to do anything! Not being careful, not picking up something, not wiping, not listening, not answering, not scolding, not praising, not fearing, not needing to go somewhere, not fetching anyone. I could simply sit and literally do nothing. In order to recognise a moment of beauty and feel complete, I realised, three things are needed: calmness, an absence of needs and – freedom. My life is scarce of these things – freedom I have none.

Since I have been a mother of more than one with a job my life feels like a tunnel where the recommended speed is 90 mph. If you’re cynical you could say now: „You didn’t need to get so many children. You know, there’s birth control.“ But I think this is not my individual problem, that’s taking the easy way out. I think in our society one does not need to have children to feel that life’s a tunnel with no space to stop or even escape routes. Having children simply catalyses the problem. Children are not the problem, at least not all the time, dear readers without children. Of course, children are loud, unnerving, and you can’t turn them off when you’ve had enough. It is a really hard job to raise them to become social, compassionate and considerate people. If you take this job seriously there is not much time for hedonistic free time activity. I do not want to be misunderstood here: I am grateful for this anti-ego-trip, it is has made me a better human being. The problem is, I think, the way our society and economy work. Living in this systems is like running a race where the bystanders don’t cheer but shout: It’s not enough, push harder! Nothing you do is ever good enough, no matter for which way of living you decide. Balancing work, life, and love means living with the constant feeling of coming short or missing out. In the following drama in four acts I will try to illustrate my point for you.

Act I: The apartment, the night before Monday.

Scene 1: 5:30am. Entering Child C shouting.

Child C: Mummy. Mummy. Muummyyyy!

Mummy: OK, OK. I’m coming. Come, dear, you can sleep in our bed.

Mummy looks at the clock, sighs, pushes the child off of her face where it went back to sleep.

Scene 2 5:40am. BEEP, BEEP, BEEP. Daddy’s alarm clock sounds.

Daddy: Urgh, sigh. Oh well, duty is calling.

Mummy: Hmmph.

6:10am. Daddy leaves the house. The door is clapping.

Mummy, mumbling: Just a little more sleep, 20 minutes, only 20 minutes, please!

6:30am. BEEP BEEP BEEP.

Child C: Mummy, hungry.

Mummy: All right. Wait a second. We have to wake up Child A and Child B, OK?

Mummy caresses Child A, Child C is kicking and boxing on her arm.

Mummy: Child A, time to wake up.

Child A: Nooo, don’t want to. It is so dark and cold outside the bed.

Mummy at Child B’s bed, patting its back: Child B, get up, out of bed now.

Child B presses its eye lids shut and fakes to be fast asleep.

Child C: Hungry!

Mummy going tot he kitchen: OK, now I can prepare your breakfast. What do you want? Toast with cream cheese? No?! Apple?! Cereals? No?!

Child B, suddenly woken up from deep sleep: Mummy, can you make me a taost with chocolatechips and chocolate cream?

Mummy: Damn it!

Child C: Choclit, Choclit.

Mummy: All right, but only today as an exception.

Child A, coming to the kitchen: You never made me chocolate toast for breakfast in primary school.

Mummy stays quiet, prepares the chocolate toasts and puts them on plates for everyone. Everyone is in the kitchen now. Mummy goes to the bathroom, wahes herself, brushes her teeth, gets dressed, goes back to the kitchen, prepares school lunches and fills up water bottles for the children.

Mummy: Can anyone watch Child C? It almost fell off its chair yesterday.

Child A: Yeah, yeah.

Scene 3: SMS from Daddy on Mummy’s mobile.

Tracks are obstructed because of leaves. Will be at work 2 hours late. I have to work longer hours in the next days to balance my negative record. So sorry. I kiss you.

Mummy: Fuck. There’s a parents‘ meeting at school in the evening. What do it do now? I have to ask the neighbour if I can leave the children with her. Children, Daddy is coming home late today.

Child A: Even later than usual? Oh man, and next week he is on a business trip. We do not get to see him anymore.

Child B: Can we watch TV at our neighbour’s?

Mummy: No, that’s to late for watching TV. You won’t go to sleep afterwards.

Child B, screaming: That’s sooooo unfair. You grown-up can always do what you want.

Mummy: I wish I could always do whatever I want, but that’s impossible even form me. And stop yelling at me. Get dressed, you have to go to school now. You, too, Child A.

Child B, running to ist room, slamming the door: I won’t get dressed. I don’t want to go to school.

Mummy opens the door of Child B’s room, yelling: Stop slamming your door. Get dressed, for Christ’s sake. You can watch TV in the afternoon, that’s our rule.

Child B: No!

Child C: Mummy, pooh-pooh.

Mummy, begging: Please, Child B, I have to change Child C’s nappies, please, get dressed, it is already 7:15. Then calling to Child A: Are you ready, the school bus is coming.

Child B: No.

Child A: Yes. Bye, Mummy.

Mummy kisses Child A. Mummy changes the nappies, washes its face which is full of chocolate and dresses it. Then dresses Child B, pushes it through the door, kisses it. Then takes Child C to the day care cantre and finally goes off to work.

Act II: The Job

Scene 1: 8:30am. Mummy arrives at work.

Mummy: Good morning, Colleague.

Colleague: Good morning, Mummy. How’s life?

Mummy: Good. Yours?

Colleague: All right. Ms. Boss wants to speak with us.

Mummy: OK, when?

Colleague: 2pm.

Mummy: Damn it! I have to leave the office at 2, because the day care closes at 2:30.

Colleague: Maybe we can meet earlier. Why don’t you call her. If it doesn’t work, I will tell you what she wanted tomorrow.

Mummy, sighing: As always. Second-hand-news.

Colleague: Don’t worry.

Mummy calls Ms. Boss.

Mummy: Hello Ms. Boss, could we meet a little earlier today? I have to leave at 2pm. Thanks so much. See you at 11:30, then. Thanks again.

Mummy and Colleague work silently. Mummy watches her mobile phone every now and then. No one calls, no messages, then everyone is fine.

Scene 2: 11:30am, entering Ms. Boss.

Ms. Boss: So, Mummy! I wanted to ask you if you would like to manage our next project. You could work more hours until the end of the project. What do you think?

Mummy, hesitant: I would love to do that, but you know, Daddy commutes to his job and he comes home late every day. Our day care centre closes at 2:30pm. That’s difficult, but if I could work at home sometimes …

Ms. Boss: Sorry, Mummy, that’s not possible, as you know, we do not want our employees working in home office. Maybe you can come up with another solution. Tell me what you decide tomorrow. If you don’t want the project, I will give it to Colleague. You will stay involved, either way. Not too bad, or is it?

Mummy gives her a crooked smile: OK, thanks.

Ms. Boss, leaving.

Scene 3: 12.00pm.

Colleague: Will you join me for lunch?

Mummy: No, I have to leave in two hours. I have to keep my time record in check.

Colleague: Oh well.  He lifts the telephone and calls another co-worker at the adjacent office to find a lunch companion.

Act III: The Hobbies

Mummy has fetched Child C and Child B, Child A is waiting at home and is hungry. Mummy makes some sandwiches for herself and Child A. She eats while standing and playing with Child C. Mummy makes herself a coffee, and practices with Child B his instrument, while Child C wants to play horsy on Mummy’s knees. Child A practices on ist own. At 3:30pm the instruments are packed in the car and they go off to music practise.

Mummy’s mobile phone rings. It’s Amiga.

Amiga: Hey Mummy, how are you? I wanted to invite you to a play my sister appears in.

Mummy: Oh, great. Is that on the weekend? You know, weekdays I mostly can’t get off.

Amiga: No, sorry, she is here on Wednesday, only.

Mummy: Too bad. We can meet some other time, go out to eat, or something.

Amiga: Sure. But I’ll be in Guatemale fort he next four week from Friday on. I’ll get in touch with you afterwards. Bye.

Mummy: Bye.

Mummy drops off Child A and B, drives on to do some grocery shopping. Child C doesn’t want to sit in the cart. Mummy Carries Child C while navigating through the isles. At the cashier Mummy puts Child C down. It runs through the automatic door, Mummy catches it just before it reaches the curb of the street. Mummy pays the bill and fetches Child A and B to go home.

Act IV: The Apartment

Scene 1:  17:30pm. While the children are watching TV, Mummy opens up a letter from the pension fund.

Mummy: ‚If you continue working like you have in the past five years you will receive according to current measures a pension of 600 Euros per month.‘ Oh great! I work 18 hours per day, according to that I should have a pension of 2500 Euros. If I worked like the minister for employment wants me to work, to have a reasonable pension, there wouldn’t be any shared meals pepared at home, hobbies, spontaneous ice creams or playing at the park when the sun shines. I could employ a nanny but my wage would be consumed by that. Which means that we would have less money than now. We would go on holiday for two weeks which would not suffice to compensate the missed time together while working. Daddy and I would have even less time together than today. We would get divorced when Child A is 18 which would leave me 10 years of being a single mum, more or less, which would lead straight to a burn-out at age 60. I would have enough money, all right, and would be independent, because I paid 35 years for my pension fund, but I would be alone, without a partner and maybe even ill.

Scene 2: 18:00pm. Children going to the neighbour’s and parents‘ meeting.

Child A: We go up to the neighbours now, Mummy.

Mummy: OK, I’ll be back in two hours.

Mummy leaves the house and returns after two and a half hours. She fetches the children from the neighbour’s.

Mummy: What did you have for supper?

Child B, beaming: Chocolate bread and coke.

Child A, soothingly: Child C had milk.

Mummy, mumbling: Then you had better watched TV.

Child B, grinning: Which we did while eating.

Scene 3: 20:45pm. The children lie in bed, Mummy makes her round of good-night-kisses.

Child A: I’m thirsty.

Child B: Mummy, I’m afraid in the dark.

Child C: Dummy, where?

Mummy makes a second round. When everything is quiet, she begins to clean up the kitchen where there are still foods and dishes from breakfast. Daddy comes home from work.

Daddy, kissing Mummy: What a day!

Mummy: Tell me about it!

Daddy: Do you want sex?

Mummy: Not really. Do you?

Daddy: Nope, too exhausted. Let’s watch some TV together.

Mummy: OK.


Dear reader! Living and working in today’s society confronts us with incompatible roles or expectations which we’re supposed to play or meet simultaneously. Some of us develop health issues because of this situations. I cannot change this alone, but maybe we all can do something about it by claiming more time to be idle.

 

Principal Principles

„Rules ar not necessarily sacred, principles are.“ (Franklin D. Roosevelt)

For a long time in my life I didn’t know what my principles were. Life is easy when you don’t have real responsibilities, when relationships are allowed to come and go, when you haven’t said ‚yes‘ to someone and meaning taking all the consequences that come with that yes. Becoming a mother was scary in some part because all of a sudden it dawned on me that this step was the first decision in my life that was by all means irreversible. In fact it was the first fact of my life. If you want you can always start over some place else, do something else, start from scratch, but you cannot unbecome a mother even if you decide to let your children be raised by someone else.

Taking responsibility for a life means coming to terms with what you find important in life, your values, your principles. Most of us do not make a list of values they want to transmit to their children, nor do they think about their invisible red lines that shall not be crossed, their no-go areas, before they start parenting a child. But once this little being takes center stage we start talking about the right form of nutrition, the right form of medication, and the right form of schooling. Our decisions in these fields are partly based on inherited believes and partly on scientific opinions that will probably be reversed in – let’s say – five years time. Controversies about these topics are often fierce and seldom settled because they reflect the surface of what we believe is right and wrong, good and bad. Starting war is as simple as that. If you’re lucky your partner has the same set of believes.

While it is easy to talk about the surface of your values and let others have different ones (although you secretly believe that the form of education of your fellow parents will leave permanent defects in their children), the underlying principles, that constitute the core of your actions, are far less discussed or even thought about. Most of the time we simply act or react upon a given situation. Parenting a child makes you look at that core and more often than not pushes you beyond boundaries that you hadn’t been aware of before.

If your reaction to this trespassing is such that you can still look yourself in the eye I raise my hat. Many times I have looked in the mirror and thought that I do not know this woman. Outraged and furious, yelling, banning and grounding their children, panting with a racing pulse, barely in control, sometimes losing it and feeling ashamed afterwards.

When I started out as a parent I became angry with many things my child did. It did not sleep as I expected, neither enough nor at the times I had set for it to sleep. It did not tidy up after itself. It was not careful with breakable things or liquids. I was indignated, I felt disturbed. How could something as little as this baby break my order so profoundly. I didn’t know at that time that I was blessed with a child for starters, a beginners‘ baby so to speak.

When my second child arrived I was already beyond order. I had realised that for me order was a superficial value that I didn’t need to keep my engine running smoothly and on normal temperature. I had passed the neurotic-or-not-test. With child number two I learned that there are people in this world that can shake you to the core and that you are very lucky if you can call these people your children. I was not prepared, I must say. But who is? We all jump over the fence like Bilbo Baggins shouting „I’m going on an adventure“ and only afterwards we understand what that implied.

One of the first sentences my second child said to me was: „Stop saying ’no‘ to me all the time“. A remarkable eloquent utterance for a two and a half year old if you take into account that this child completely refused to speak until he was two and still often resorted to make unintelligible noises for indicating his wishes during his third year. For my second born the world was supposed to be at his service. Rules were followed when they fit in his scheme, when he himself found them important. He had a clear notion of how things were supposed to be, often before he had tried them out. ‚Trial and error‘ was not a concept he followed. His approach was rather ‚only try if you’re sure to succeed‘, and hell was loose when things decided to behave contrary to what he expected. He mapped out his world and one was lucky if he decided to let you have a part in it.

Until he was about four his imagination of being the centre of a universe that he had created was so intense that he often didn’t answer our questions because he was under the impression that the mere thinking of an answer would suffice to keep us acting within his frame. Finding a common ground was almost impossible if he had made up his mind. With him it was often „You’re either with me or against me“, by which he showed stark resemblence to at least two Republican presidents of the United States of the last twenty years.

When my child started kindergarten the real trouble began. While with us and being the little one he found ways to get what he wanted by exploring our boundaries and playing on our exhaustion to keep them up, in kindergarten he for the first time was confronted with rules and regulations that couldn’t be bent. From then on rules were questioned categorically. Nothing was taken for granted. He was not able to see the fairness of rules that applied to everyone nor was he able to accept his own account in wrong-doings or shortcomings. Rules where unfair when they interfered with his view of the world, when something went wrong others or the thing that misbehaved were to blame.

We worked hard to make him see the downsides of dictatorship, understand the concept of fairness and the responsibility in his actions. It’s a continuous process which accounts for many a line in my face. But capitulating is not an option because when I read the news, especially those of murder, suicide and political rhetoric alongside armed conflicts, I often see and hear my son’s logic speaking. I realise in these moments that every minute of struggle with him is worthwhile. Criminals are not able to see that their view of the world is just that: their view of the world – and that there exist seven billion other views of the world. John Donne, the famous Renaissance English poet, coined the phrase ‚No man is an island‘, by which he meant that we are all part of mankind, that we are all socially interconnected and thus are all the same. I would amend the phrase by saying ‚Every man is an island, but no man exists in isolation‘. When we’re little we have to learn that we are a separate being from our mother. We learn it by feeling the pain of encountering limits. We hit our head and understand that our body has limits, we are taken care of by someone else than our mother and understand that neither our mother nor we are everywhere, we are scolded for hurting someone or breaking something and understand that our actions have consequences. While experiencing seperateness is at first physical, understanding sameness is mostly a cognitive achievement. Only because we’re looked at (loved, cared for, restricted) by others are we able to see ourselves (see Martin Buber for that). Becoming aware of other people’s limits means seeing that our self does not expand limitless. In turn, to become aware of one’s own limitations holds the opportunity to be benign with the limitations of others. Acknowledging the differences between us can help bridge the distance and make space for seeing commonalities. The only thing we can do to close the gap between ourselves and others is continously talk with each other to maybe find the common ground on which we can act, but always allowing for the possibility to remain disparate, to remain incompatible neighbours for whom a minimal consensus of granting each other their right to live in peace could be a huge gain.

By discussing with my child his and my own limits I show him that I care for him, that his actions matter to me, that I am concerned about him. I make him see himself by showing him who I am, where I stand. It’s tough love and tremendously hard work because it is what our democracy consists of, the constant dispute and negotiation between respected partners. But I do not whine about it, on the contrary, I am thankful beyond measures because first of all I now see that my principal principle that guides my actions on this earth, that I want to transmit in my rearing is respect and that its absence in approaching me constitutes my red line. Second of all my son’s demeanour towards the world taught me to question more the so-called givens in our society. But most of all his personality taught me humility because it is easy to love someone who does what you want. But loving someone who lives by the last verse of the song by Rage against the machine teaches you not to break someone who does not do what you want.

Das süße Nichtstun

Vor einigen Tagen hatte ich einen göttlichen Moment. Nein, liebe Leserin, lieber Leser, ich habe nicht Gott gespielt und das Wasser vor mir geteilt oder Büsche mit einem Wimperschlag entzündet. Nicht, dass ich es nicht verdient hätte, Gott genannt zu werden. Schließlich kann ich aus Ejakulat einen perfekten Menschen erschaffen. Gott selbst hat dafür noch Lehm gebraucht, zieht euch das mal rein. Und ich möchte Gott mal sehen nach einem Tag in meiner Familie! Der würde sich ganz schnell wieder in den Himmel verkrümeln und müsste erstmal sieben Tage ausspannen – sieben Gott-Tage versteht sich.

Aber Ausspannen ist ein gutes Stichwort. Mein göttlicher Moment hatte etwas von himmlischer Ruhe (ich stelle mir gerade Gott auf einer Wolke liegend mit schallneutralisierenden Kopfhörern vor). Ich saß mit meinen drei Kindern in einem Museums-Café (ja, ich hatte es tatsächlich in eine Ausstellung geschafft und hatte sogar ein paar Begleittexte zu den Exponaten lesen können), es gab Kuchen, Limo und Pfannkuchen und plötzlich, für ein paar wenige Sekunden, wurde alles still um mich, und ich sah mich dort sitzen und fühlte mich gleichzeitig dort sitzen, und ich betrachtete das Arrangement der Tische, die gestreifte Tapete, die grüne Vase, die sich unterhaltenden Leute und meine essenden Kinder, und es war gut so. In diesen Sekunden hatte alles seinen Platz, nichts sollte woanders sein – auch ich nicht. Es war eine kleine Murmel Perfektion. Der Moment verstrich und mir wurde schlagartig  bewusst, dass ich solch einen Moment absoluter Schönheit, Vollkommenheit und Ausgewogenheit schon sehr, sehr lange nicht mehr erlebt hatte. Ich war schockiert. Ich fühlte mich wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis, die, einmal losgebunden und ans Licht geführt, sehen, wie beschränkt ihre Wahrnehmung bisher war.

Ich begann nachzudenken, warum mir – ich nenn das jetzt einfach mal so, ohne auf irgendeine Religion Bezug zu nehmen – Gott in diesem Moment diese kleine perfekte Murmel, diese vollkommene und klare Nanosekunde Auszeit geschenkt hatte und warum es so verdammt lang her war, dass ich so etwas erlebt hatte. Früher, in meiner Kindheit war die Welt voller Murmeln, es waren so viele und sie waren so selbstverständlich da, dass ich sie meistens gar nicht wahrnahm. Ich glaube, bis ich ungefähr neun oder zehn war hab ich fast kontinuierlich im Flow gelebt. Astrid Lindgren hat einmal über ihre Kindheit gesagt: „Was haben wir gespielt, stundenlang, tagelang, dass wir uns nicht totgespielt haben, war ein Wunder.“ Im Rückblick war das auch für mich so, und für mich ist Tod und Sterben in diesem Zusammenhang nicht etwa fehl am Platz, denn es sind diese Momente des Einsseins und des Im-Moment-Aufgehen, in denen man sterben könnte und es nicht schlimm fänd. Als Jugendliche und junge Erwachsene begegneten mir weniger Murmeln, aber wenn, dann konnte ich sie nun sehen und als solche erkennen, was noch besser war als der permanente Flow ohne das Erkennen desselben. Einige davon habe ich mir in meine Hosentasche gesteckt und trage sie immer bei mir.

Warum also kam jetzt diese wunderbare, unbezahlbare Winzigkeit und warum nicht schon früher? Die Wahrheit ist, was sie oft ist, einfach und traurig. Dieser Moment der Schönheit kam zu mir, weil ich plötzlich innehalten konnte, ich konnte loslassen. In diesem Augenblick musste ich nichts! Nicht aufpassen, nichts aufheben, nichts abputzen, nicht zuhören, nichts antworten, nicht schimpfen, nicht loben, nicht Angst haben, nicht losfahren, nicht abholen. Ich konnte einfach nur dasitzen und nichtstun. Für Sekundenburchteile waren alle, inklusive mir, satt, zufrieden und ruhig. Um die Schönheit des Moments erkennen zu können und sich eins mit ihm zu fühlen, ging mir später auf, braucht es drei Dinge: Ruhe, Bedürfnislosigkeit und – Freiheit. Keines dieser Dinge gibt es in meinem Leben im Überfluss, das letzte, wage ich zu behaupten,  gibt es überhaupt nicht.

Seit ich eine Mehrfachmutter mit Job bin, lebe ich in einem Tunnel, in dem die Richtgeschwindigkeit 130 kmh ist. Klar, die Zyniker unter euch werden jetzt sagen: „Dann krieg halt nicht so viele Bälger, schließlich hattest du die Freiheit, dich für oder gegen Familie zu entscheiden.“ Aber das Ganze zu einem Individualproblem zu machen, ist zu leicht. Denn, ich denke, man muss nicht unbedingt Mutter (oder Vater) sein, um dass Gefühl zu haben, dass das Leben ein Tunnel mit wenig bis gar keinen Haltebuchten oder gar Ausfahrten ist. Elternschaft wirkt bei dieser irrwitzigen Fahrt oft aber wie ein Katalysator. Kinder, liebe kinderlose Leserin und lieber Leser ohne Kinder, sind meiner Ansicht nach nicht das Problem, oder zumindest nicht immer. Natürlich sind Kinder anstrengend, nervtötend und omnipräsent. Und es ist eine Lebensaufgabe, sie zu sozialen, rücksichtsvollen und mitfühlenden Menschen zu erziehen. Da bleibt nicht viel Zeit für ich-bezogene Freizeitbeschäftigungen. Nicht, dass ich hier missverstanden werde, ich bin sehr dankbar für diesen krassen Anti-Ego-Trip. Ich bin dadurch auch ein besserer Mensch geworden. Das Problem, lieber Leser, liebe Leserin, ist viel mehr unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, dass in dieser Form eine Ausgewogenheit von Arbeit, Leben und Liebe verunmöglicht und uns vermittelt, dass das was wir tun am Ende nie reicht. Familie zu haben, eine gute Arbeit zu haben und eine schöne Partnerschaft zu leben, heißt gegen Widerstände zu leben und zwischen gegensätzlichen Ansprüchen aufgerieben zu werden. Im Folgenden werde ich das mal in Form eines Dramas in vier Akten verdeutlichen. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

1. Akt: Die Wohnung, in der Nacht zu Montag.

  1. Szene 5:30 Uhr. Auftritt Kind C. Laut rufend.

Kind C: Mama. Maamaa. MAAMAA!

Mutti: Ja, ja. Komm, ich nehm dich mit in unser Bett.

Mutti blickt auf die Uhr. Stöhnt. Schiebt das Kind von ihrem Gesicht, das mittlerweile auf ihr liegend wieder eingeschlafen ist.

  1. Szene 5:40 Uhr. BIEP, BIEP, BIEP. Der Wecker von Vati Auftritt Vati.

Vati: Stöhn, ächz. Na ja, muss ja.

Mutti: Hmmpf.

6:10 Uhr. Vati verlässt das Haus. Die Tür fällt ins Schloss.

Mutti, murmelnd: Hmmpf. Noch zwanzig Minuten, noch zwanzig Minuten. Ein bisschen noch schlafen.

6:30 Uhr. BIEP BIEP BIEP.

Kind C: Mama, Hunger.

Mutti: Ja, ich mach dir gleich was. Lass uns erstmal Kind A und Kind B wecken.

Mutti streichelt den Kopf von Kind A. Kind C zappelt auf ihrem Arm.

Mutti: Kind A, es ist Zeit aufzustehen.

Kind A: Ach nöö, ich will nicht. Ist so kalt und dunkel.

Mutti am Bett von Kind B, es sanft stupsend: Kind B komm raus auf dem Bett. Los geht’s.

Kind B kneift die Augen zu und fingiert Tiefschlaf.

Kind C: Hunger!

Mutti, in die Küche gehend: Ja, jetzt mach ich dir was. Was willst du denn? Müsli? Nein?! Dann ein Toast mit Frischkäse? Nein?! Apfel? Nein?! Hm.

Kind B, plötzlich aus dem Tiefschlaf erwacht: Mama, machst du mir ein Brot mit Schokostreuseln und Schokocreme?

Mutti: Mist!

Kind C: Schoko, Schoko.

Mutti: Na gut. Aber nur heute, ausnahmsweise.

Kind A, kommt schlaftrunken in die Küche: Mir hast du in der Grundschule nie Schokobrot zum Frühstück gemacht.

Mutti sagt nichts, schmiert die Schokobrote und verteilt sie auf Teller. Alle finden sich in der Küche ein, essen. Mutti geht ins Badezimmer, wäscht sich kurz, putzt sich die Zähne, zieht sich an. Geht zurück in die Küche, schmiert Pausenbrote, befüllt Wasserflaschen.

Mutti: Passt jemand auf Kind C auf? Gestern wäre es fast aus dem Hochstuhl gefallen.

Kind A: Ja, ja.

  1. Szene SMS von Vati auf Muttis Handy.

Streckensperrung wegen Laub auf den Gleisen. Werde wohl erst zwei Stunden später auf der Arbeit sein. Bin schon voll in den Minusstunden. Muss die nächsten Tage Überstunden machen. Tut mir leid. Ich küsse dich.

Mutti: Scheiße. Ich muss doch heute Abend zum Elternabend in die Schule. Wie mach ich das denn jetzt? Kind A, kannst du gleich mal bei der Nachbarin fragen, ob ihr heute Abend zwei Stunden bei ihr bleiben könnt. Vati kommt später heute.

Kind A: Noch später als sonst. Och manno. Und nächste Woche ist er dann auf Dienstreise. Wir sehen ihn ja gar nicht mehr.

Kind B: Dürfen wir bei der Nachbarin Fernsehen bis du wieder da bist?

Mutti: Nein, das ist zu spät. Dann könnt ihr schlecht einschlafen.

Kind B, schreiend: Du bist echt soo unfair. Ihr Großen dürft immer alles machen, was ihr wollt.

Mutti: Würde ich gerne mein Kind, kann ich aber ganz und gar nicht. Und hör auf mich anzuschreien. Zieh dich an jetzt, du musst gleich los zur Schule. Du auch, Kind A.

Kind B, rennt in sein Zimmer und knallt die Tür, schreit: Mach ich nicht. Ich will nicht in die Schule.

Mutti reißt die Kinderzimmertür auf, brüllt: Hör auf die Tür zu knallen. Reiß dich zusammen, verdammt noch mal. Nachmittags dürft ihr Fernsehen, das ist die Regel. Zieh dich jetzt an.

Kind B, verstockt: Nein.

Kind C: Mama, Kacka!

Mutti, flehend: Bitte, Kind B, ich muss jetzt Kind C wickeln, zieh dich an, es ist schon viertel nach sieben. Dann rufend: Kind A, bist du fertig, du musst los zum Bus.

Kind B: Nein.

Kind A: Ja. Tschüss, Mutti.

Mutti küsst Kind A zum Abschied. Mutti wickelt Kind C, wäscht es, weil sein ganzes Gesicht mit Schokolade verschmiert ist und zieht es an, zieht Kind B an, schiebt es aus der Tür, küsst es zum Abschied, bringt Kind C in die Betreuung, fährt los zur Arbeit.

2. Akt: Die Arbeit

  1. Szene 8:30 Uhr. Mutti erreicht die Arbeit.

Mutti: Guten Morgen, Kollega.

Kollega: Guten Morgen, Mutti. Na, wie geht’s?

Mutti: Alles klar. Bei dir?

Kollega: Ja, geht. Chefin will uns heute sprechen.

Mutti: Aha. Wann?

Kollega: 14:00 Uhr.

Mutti: Mist! Ich muss um 14:00 Uhr los und Kind C abholen. Die Betreuung macht um 14:30 zu.

Kollega: Vielleicht können wir es vorziehen. Ruf sie doch gleich mal an. Ansonsten sage ich dir morgen, was wir besprochen haben.

Mutti, seufzend: Wie immer, Neuigkeiten aus zweiter Hand.

Kollega: Kriegen wir schon hin.

Mutti setzt sich an ihren Schreibtisch, Kollega rollt zu seinem zurück. Mutti ruft Chefin an.

Mutti: Ja, Chefin, hier Mutti. Könnten wir uns vielleicht eher treffen, weil ich um 14:00 schon wieder losmuss? Ja, das wär super. Danke. Bis gleich.

Mutti und Kollega arbeiten schweigend. Hin und wieder blickt Mutti auf ihr Handy. Kein Anruf, keine Nachricht? Dann geht es allen gut.

  1. Szene 11:30 Uhr. Auftritt Chefin.

Chefin: So, Mutti, ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht Lust hätten, das nächste Projekt zu leiten. Sie könnten ja kurzfristig bis zum Ende der Projektlaufzeit Ihren Vertrag aufstocken. Was halten Sie davon?

Mutti, zögernd: Ich würde sehr gerne. Aber Sie wissen ja, Vati pendelt, er ist abends immer erst sehr spät zuhause und wir haben nur einen Betreuungsplatz bis 14:30 Uhr. Wenn ich manchmal von daheim arbeiten könnte …

Chefin: Tut mir leid, das ist bei uns, wie Sie wissen, nicht vorgesehen. Schauen Sie mal, vielleicht gibt es ja noch eine andere Möglichkeit. Sie sagen mir morgen Bescheid. Ansonsten übertrage ich das Projekt Kollega. Dann sind Sie ja immer noch involviert, Mutti. Ist ja auch nicht schlecht, oder?

Mutti lächelt schief: OK, danke.

Abgang Chefin.

  1. Szene 12.00 Uhr.

Kollega: Gehst du mit was essen?

Mutti: Nein, danke. Ich muss ja gleich schon wieder los zum Abholen. Ich komm sonst noch mehr in die Minusstunden.

Kollega: Na gut. Er hebt den Telefonhörer ab und ruft den Kollegen im Nachbarbüro an, um sich zum Essen zu verabreden.

3. Akt: Die Hobbys

Mutti hat Kind C und Kind B abgeholt, Kind A ist schon zu Hause und hat Hunger. Sie schmiert sich und Kind A in der Küche ein Butterbrot. Sie isst im Stehen und Spielen mit Kind C. Macht sich einen Kaffee und übt mit Kind B sein Instrument, während Kind C auf Muttis Schoß sitzt und mit ihr Hoppe-Reiter spielen will. Kind A übt allein. Um 15:30 packen alle ihre Sachen ein, Mutti zieht Kind C an und sie verlassen das Haus, um zum Musikunterricht zu fahren.

Muttis Handy klingelt. Mutti nimmt ab, Amiga ist dran.

Amiga: Hey Mutti, wie isset? Ich wollte dich einladen zu einem Theaterstück, nächsten Mittwoch. Meine Schwester ist in der Hauptrolle.

Mutti: Oh toll. Findet das auch noch mal am Wochenende statt? Du weißt ja, unter der Woche ist immer schlecht bei mir.

Amiga: Nein, leider nicht, sie ist nur Mittwoch in der Stadt mit dem Stück.

Mutti: Schade. Aber lass uns bald mal wieder treffen. Gerne mal abends was essen gehen, oder?

Amiga: Ja gerne, aber ich bin ab Freitag erstmal in Guatemala für vier Wochen. Ich melde mich, wenn ich zurück bin. Ciao.

Mutti: Ciao.

Mutti liefert Kind A und B beim Musikunterricht ab, fährt zum Supermarkt und macht einen Einkauf. Kind C will nicht im Einkaufswagen sitzen bleiben. Mutti trägt Kind C durch den Laden und navigiert den Einkaufswagen durch die Gänge. Beim Bezahlen setzt Mutti Kind C ab. Es läuft durch die automatische Tür nach draußen. Mutti fängt es ein, bevor es auf die Straße läuft, und bezahlt den Einkauf. Kind A und B werden abgeholt und alle fahren nach Hause.

4. Akt: Die Wohnung

1. Szene 17:30 Uhr. Während die Kinder fernsehen, öffnet Mutti einen Brief von der Rentenversicherung.

Mutti: Wenn Sie bis zu Ihrem Renteneintrittsalter so arbeiten, wie in den letzten fünf Jahren, dann bekommen Sie nach heutigen Stand 600 Euro ausgezahlt. Na, prima! Ich hab einen Achtzehn-Stunden-Tag, eigentlich müsste ich 2500 Euro Rente bekommen. Wenn ich so arbeiten würde, wie die Arbeitsministerin es will, um nicht in Altersarmut zu enden, dann gäbe es bei uns keine gemeinsamen, selbstzubereiteten Mahlzeiten, keine Hobbys, kein spontanes Eisessengehen oder Ballspielen am Nachmittag bei Sonnenschein. Fraglich, ob ich jemanden bezahlen könnte, diese Dinge zu übernehmen. Selbst wenn, würde mein Gehalt wahrscheinlich dann dafür draufgehen.  Letztendlich könnten wir uns dann weniger leisten als jetzt. Unsere Urlaube fänden alle zu kurz, weil zwei Wochen Urlaub die verlorene Zeit im Alltag nicht aufwiegen. Wir haben ja so schon wenig Zeit, Vati und ich. Jeder hätte dann irgendwann Affären. Wir würden uns trennen, wenn Kind A 18 ist. Ich wäre dann noch ca. 10 Jahre mehr oder weniger alleinerziehend und müsste dann mit 60 in Frührente, weil ich völlig ausgebrannt wäre. Ich hätte dann zwar genug Geld und wäre unabhängig, weil ich mir 35 Jahre den Arsch abgearbeitet habe, wäre aber allein, ohne Beziehung und vielleicht sogar krank.

2. Szene 18:00 Uhr. Kinder zur Nachbarin und Elternabend.

Kind A: Mutti, wir gehen jetzt hoch zu Nachbarin.

Mutti: Ja, ich bin in zwei Stunden wieder da.

Mutti verlässt das Haus und geht zum Elternabend. Nach zweieinhalb Stunden ist sie wieder da und holt die Kinder von der Nachbarin ab.

Mutti: Na, was habt ihr gegessen?

Kind B, strahlend: Schokocroissant und Cola.

Kind A, beschwichtigend: Kind C hatte Milch.

Mutti, mehr zu sich selbst: Dann hättet ihr ja auch fernsehen können.

Kind B, mit noch breiterem Grinsen: Haben wir ja auch, beim Essen.

  1. Szene 20:45 Uhr. Mutti bringt die Kinder ins Bett. Alle liegen im Bett.

Kind A: Ich hab noch Durst. Bringst du mir ein Glas Wasser?

Kind B: Mama, ich hab Angst.

Kind C: Schnuller, wo ist?

Mutti versorgt alle und beginnt dann, die Spülmaschine aus- und die Küche aufzuräumen, wo immer noch Geschirr und Lebensmittel vom Frühstück stehen. Vati kommt nach Hause.

Vati, küsst Mutti: Uff, was für ein Tag!

Mutti: Kann man wohl sagen!

Vati: Hast du Lust auf Sex?

Mutti: Nicht so, du?

Vati: Nö, zu kaputt. Lass uns noch ein bisschen fernsehen.

Mutti: OK.


Liebe Leserin, lieber Leser, alle Erwerbstätigen leben heute mit Dilemmata und nicht zu vereinbarenden Rollenanforderungen. Das ist nicht schön und manche macht es sogar krank. Ich allein kann daran nichts ändern. Aber vielleicht wir alle zusammen, wenn wir uns mehr Zeit zum Nichtstun einfordern.

A Female Beauty Case

7:00 am. My daughter comes into the bathroom, wets her fingers and cleans her eyes of the tiny sleeping grains. I’m standing in front of the mirror, after having cleaned my whole body and hair under the shower, put on deodorant and parfum and spread lotion on my skin, putting on mascara, a hint of blush and some lipstick. She looks at me, critically, and says: „You look unnatural. Why do you paint your face?“ I look at her, amazed, and think: „You look stunning, fresh, energetic. When did you become so beautiful?“ My daughter is ten and she is the jeans and sweater type and her only concession to what is socially considered feminine was getting earlobe piercings last summer. There is no skirt or dress in her wardrobe, she hates the smell of nail polish, her favourite shoes are trainers and she doesn’t feel the need to try make-up especially when the trade-off would be getting up earlier in the mornings. I answer defenselessly: „But I look so tired (read old) if I don’t put on some makeup.“ She says: „So what. You look better without it.“ That must have been the best compliment I have ever received. I would like to talk more about how she sees me, but a quick look a the clock ends our conversation. School is calling and our paths part until the afternoon.

On my way to work I replay our conversation in my mind and start comtemplating about what implications lie in my daughter’s statement and my reaction. What she told me is that she likes me, or even thinks I’m beautiful, without any concealers or enhancers. She wants her mum without any „add-ons“. My reaction shows how much I am influenced by beauty norms (dark eye lashes, red lips, concealed wrinkles make me walk out the door more confident) and socially constructed conventions of how women should look (always young and fresh no matter how strenous life with kids and job is).

A conversation with a friend comes to my mind. Years ago she decided to go without makeup most of her days – even to work. Her boss – a woman – felt obliged to comment on that decision, that is to her unpainted face. She said to her that if she wanted to climb up the hirarchy ladder she needed to use make-up because people would not take her seriously otherwise. My friend is of rebellious nature and was not in any way intimidated by that remark but rather felt reinforced in her decision. Good for her – but I still feel more secure when I paint my face. But who told me that I am not beautiful without makeup? And who created the nexus of female beauty and success?  A lot of ugly men are very successful (see Donald Trump, Danny di Vito, Woody Allen) whereas when I think of women in high positions who appear regularly in the media not one is downright ugly – and yes, this includes Angela Merkel because she is far less ugly than what people try to make us believe (just have a look at these pictures for proof). It’s not that men with beauty deficits are not ridiculed at all, but if they are, discussions about the matter ebb away very fast.

Why is it possible for men to get wrinkles, a fat belly, lose their hair or become grey, look worn-out and still not lose their confidence in their abilities? An man’s wrinkles are called lines (which many consider to be handsome), with a fat belly a man is well-built, looking worn-out is a sign of how hard-working the man is. Only the loss of hair seems to be a minor source of insecurity with some men. Just think of a woman with the above mentioned physical traits. Please be honest. Would you call her well-built? Is it her hard work that comes to your mind when you see her tired face? And, for once, have you ever told your mother or your friend that she looked even better with all those wrinkles and grey streaks? Probably not. What comes to our mind if a woman looks like that are degrading and disrespectful words and judgments: old, fat, looking like death warmed up. If a women’s appearance changes with the years or does not meet the restrictive norms set by commercials and millions of pictures on social media there is no way for her to verbally euphemise her „defects“.

Our perception of women remains physical even if her virtues go far beyond her outer appearance. A woman’s abilities and her success are never seen plainly as that, her achievements are always seen in relation to her beauty or the lack of the same. As a woman it is simply not possible to become unphysical in the perception of others, her body always matters. (That this can be an advantage on the long run as we are reminded not only by our surroundings but also by our menstrual cycle that we have a body that needs taking care of is another story).

I admit that the pressure on men to have perfect bodies until they die has also grown in recent years. And there is a growing segment of men’s beauty products especially for those with beards. But if you compare the few centimetres of shelf space that take up beard grooming cream to the kilometres that are taken up by cosmetic products for women it is clear that male beauty enhancement remains an option for today’s men. Of course, one could say, as women we have the possibility to look better by using makeup and wearing shaping underwear, whereas men who dye their hair or stuff up their underpants are laughed at, but that is a twisted logic because in many social contexts women do not have a choice. There is no possibility to look better, there is a constraint. Norms and conventions  – the little sisters of the constraint – make life easier in many ways, they help us choose the right words and gestures in social contexts and save our time because we do not need to interpret everything that is said and done anew in each situation. Even dress codes can be useful as they level the differences between group members or negotiation partners. The beauty norm, however, does not apply equally to all members of the group, and this is the point where a norm becomes a constraints.

I once dared to show up in front of a class without makeup. Little 10-year-old Carl raised his hand. Naturally we were talking about something completely different – probably the comparison of adjectives in the English language – when he asked: „You look so strange today. Did you cry?“ Thank you so much, but, no, this is my face without makeup, get used to it, I should have said. Of course, I didn’t. I think, however, that this is what we have to do, getting used to ourselves, to our real or imagined defects, and to our fading youth because these things are no exceptions to the norm, they are the norm for all human beings.

And next time I choose to show the world my plain face and little Carl asks me why I look so strange, I might be able to answer: I like myself better today without paint on my face – to which he will probably say: But you look beautifuller when you wear makeup. Oh well, at least with my daughter I have left the field of comparison and entered the realm of the superlative, because my daughter is my greatest fan, no matter how I look.

(If you want to have a little laugh about our self-optimising, fitness addicted and super food society here is the „perfect work-out“ for you.)

 

 

 

Wer nichts sagt, sagt nicht ‚Ja‘

Abstract: This post deals with sexual harrassment that almost every woman experiences at least once in her lifetime and refers to the #MeeToo movement which is this year’s choice of TIME magazine for Person of the Year. I myself have been a victim of sexual harrassment several times as a youngster and later on in my life, the last incident happening just a couple of weeks ago when I was excercising outside. As I contemplate about these incidents I detect a pattern in my reaction towards this aggression – I yield and search for failures and hidden signals in my own actions, that way giving the men room for their misbehaviour and taking responsibilty from them. This is a common pattern which is also evident in our attitudes towards our children. Boys are allowed more room for their aggression and savagery because everyone says that’s just how they are. Thereby we all perpetuate this conception time and again and we teach girls to adapt to it. For maintaining a free and secure society where everyone can pursue the happiness they choose we have to teach our children – and especially our boys – to respect the borders of others and develop a sensitivity for the limitations of our own freedoms. This eminence was made clear to me when I had to tell my boy that just because his baby sister was not yet able to answer his questions it did not mean he could kiss and cuddle her all he wants. ‚No‘ means no, but no answer does not mean ‚Yes‘.

Nicht erst die #MeToo Bewegung hat mich sensibel für Gewalt und Übergriffe gegen Frauen und Mädchen gemacht. Da ich als Frau geboren wurde, kenne ich übergriffiges Verhalten von Jungen und Männern aus eigener Erfahrung schon seit ich anfing, ohne meine Eltern ins Freibad zu gehen. Ging man als Mädchen zu nah am Beckenrand, wo Halbwüchsige Überschläge und Arschbomben vorführten, konnte man sicher sein, dass man von einem Jungen fest umschlungen wurde, der mit einem ins Wasser sprang. Was sich wie unschuldiger Spaß anhört, war von Badegästen und Bademeistern geduldete sexuelle Belästigung par excellence, denn meist hatte nur einer Spaß – die Jungen, die die mit Bikini und Badeanzug bekleideten Mädchen ungefragt an sich drückten. Je mehr die Mädchen kreischten, desto größer der Spaß für die Jungen. Dies alles kann ein Spiel sein und beiden Spaß machen, wenn es von beiden gewollt ist; meistens ist es das jedoch nicht, besonders dann, wenn der Junge dem Mädchen vollkommen fremd ist und dieser es – wenn auch nur kurz – zu körperlicher Nähe zwingt. Meine Reaktion damals war, diesen Bereich des Schwimmbads zu meiden – natürlich und einleuchtend, aber eigentlich genau falsch. Denn ich nahm mir selbst damit die Freiheit, das gesamte Freibad zu nutzen.

Das ist ja nun schon mehrere Jahrzehnte her, dennoch sind sexuelle Belästigungen und Übergriffe Teil des normalen Erfahrungsspektrum einer Frau in jedem Alter. Erst neulich begann ein alter Mann mit Aktentasche mich beim Joggen ein Stück zu verfolgen und mir hinterher zu rufen, nachdem ich mich lächelnd dafür bedankt hatte, dass er mir Platz gemacht hatte und ich an ihm vorbeijoggen konnte, ohne meinen Lauf zu unterbrechen. Es dämmerte, hinter mir seine Schritte und was ich von seinem Rufen verstand, war ein französisch ausgesprochenes „Appetit“. Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Zwar befand ich mich zu keiner Zeit in Gefahr, da er mir in Schnelligkeit stark unterlegen war und bald seine Verfolgung aufgab. Dennoch folgte ich meinem Impuls, möglichst viel Distanz zwischen ihn und mich zu bringen. Ich beschleunigte und war erleichtert, dass ich es über den Bahnübergang schaffte, bevor sich die Schranken für den vorbeifahrenden Zug schlossen. Es ekelte mich und ich schäumte vor Wut. Fast reflexartig begann ich nach dieser Erfahrungen, darüber nachzudenken, was ich selbst hätte anders machen können. War mein Lächeln als  Einladung zu verstehen gewesen? Hätte ich beim Laufen darauf achten sollen, nicht zu stark mit dem Po zu wackeln? Hätte ich nicht schon vorher die Straßenseite wechseln sollen?

– nein, Nein, NEIN.

Ich habe mich ganz normal verhalten! In unserer Gesellschaft ist ein Danke verbunden mit einem Lächeln ein Ausdruck von Höflichkeit und entspricht der Konvention (ebenso konventionell ist ein Danke ohne Lächeln oder ein Lächeln ohne Danke). Ich kann mich beim Joggen bewegen wie ich will und in der Kleidung, die mir gefällt, und ich darf meinen Spaß an sportlicher Betätigung nicht nur in männerfreien Zonen ausüben. All dies ist Ausdruck unserer freiheitlichen Grundordnung, einer Ordung, die es Männern wie Frauen erlaubt, ihre Persönlichkeit frei zu entfalten, wenn dabei nicht die Freiheiten anderer verletzt werden. Zu keiner Zeit hatte ich jemandes Freiheiten mit meinem Verhalten verletzt. Mein Verhalten war kein Übergriff, der Mann hatte meine Grenze überschritten, er hatte mir nachgestellt, er hatte sich bedrohlich verhalten. Trotzdem war ich offenbar sehr schnell bereit, in meinem Verhalten nach Fehlern zu suchen und dieses sogar möglicherweise zu ändern.

Mein Reflex, mein ganz normales Verhalten nach Missverständlichkeiten zu durchleuchten, zeigt, wie normal es anscheinend für Frauen ist, sich selbst nur einen begrenzten Aktionsradius im öffentlichen Raum zuzugestehen oder diesen zu beschneiden, und wie schnell sie offenbar bereit sind, ihr Recht auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit einzuschränken zugunsten eines gesteigerten Sicherheitsgefühls. Dies kann und darf nicht die Antwort sein, denn damit wird die männliche Grenzüberschreitung und damit die ungleichen Verfügungsrechte über die persönliche Freiheit legitimiert und die Verantwortlichkeit für dieses Vergehen auf die ihrer Freiheit Beraubte verschoben.

Dieser Fall ist auch ein Beispiel für das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit. Die Errungenschaften unserer pluralisitischen Gesellschaft liegen in großem Maße im Bereich der Freiheit. Vor allem für Frauen hat sich seit Beginn der Suffragettenbewegung und dem Kampf für das Frauenwahlrecht vor ca. 100 Jahren einiges verbessert. Dennoch kann man nur wirklich frei sein, wenn man sich sicher fühlt. Dass für diese Sicherheit bestimmte Freiheiten beschnitten werden, ist ein notwendiger Vorgang in einem Staat, dem das Sicherheitsmonopol obliegt. Kein vernünftiger Mensch möchte daran grundsätzlich etwas ändern und z.B. zu Verhältnissen wie in den USA kommen, wo aus dem Recht auf Selbstverteidigung und Waffenbesitz ohne Waffenschein eine massive Unsicherheit für die Bevölkerung erwächst. Andererseits wollen wir auch keinen Staat, der das Leben der in ihm lebenden Personen kontrolliert. Eine pluralistische, d.h. freiheitlich-demokratische Gesellschaft ermöglicht größtmögliche Freiheit für den Einzelnen, ist aber nur zu haben, wenn jeder einzelne seiner Verantwortung für den Erhalt dieser Freiheit nachkommt. Das bedeutet im Grundsatz, dass ich eines anderen Menschen Grenze als die Begrenzung meiner eigenen Freiheit anerkenne.

Männliche Aggressivität (gegen Frauen), männliche Unkrontrolliertheit als etwas Normales anzusehen, hat Tradition und reicht bis in das Verhalten gegenüber unseren Kindern hinein. Damit wird sie fortgeschrieben, perpetuiert, also wieder und wieder real gemacht, bis alle glauben, dass Jungen und Männer eben so sind und dass der Rest der Gesellschaft – also Mädchen und Frauen – sich daran anpassen müssen. Dass sich an dieser Wahrnehmung langsam etwas ändert, merkt man an der Gesetzesänderung aus dem Juli 2016, in deren aktueller Fassung ein sexueller Übergriff strafbar ist, auch wenn die Frau sich nicht körperlich gewehrt hat. Auch die Auszeichnung der #MeToo Bewegung als TIME Person of the Year dokumentiert diesen Wandel. Gleichwohl ist dies ein langsamer Prozess, der von unten, das heißt von allen erziehenden Eltern, mitgetragen werden muss.

Dies wurde mir erst vor einiger Zeit wieder bewusst. Mein Sohn spielte mit seiner kleinen Schwester, er drückte sie und sagte ihr, wie süß sie sei. Meine Tochter war etwas älter als ein Jahr alt und ich würde ihre Art der Kommunikation damals noch als vorsprachlich bezeichnen. Ich war entzückt über diese kleine Liebesbekundung meines Sohnes. Dann jedoch fragte er sie, ob er ihr ein Küsschen geben dürfe. Da sie nicht antwortete, weil sie wahrscheinlich die Frage nicht verstand, sagte er: „Wenn du nichts sagst, heißt das ‚Ja‘.“ In meinem Kopf schrillte eine Alarmglocke und ein rotes Warnlicht blinkte. Ich schritt ein und machte ihm klar, dass keine Antwort nicht den Freifahrtsschein bedeutet, sondern uns in besonderem Maße die Verantwortung auferlegt, die Grenze der anderen zu spüren und zu respektieren. Nichts sagen, oder nichts sagen können, bedeutet keine Zustimmung!

Mittlerweile kann meine kleine Tochter klar und deutlich ‚Nein‘ sagen. Das ist ein Riesenfortschritt für ein Menschlein, und diese Fähigkeit wird von ihr weidlich genutzt. Es hat aber auch zur Folge, dass selbst ich ihr nun öfters kein Küsschen mehr geben darf. Das hab ich nun davon.

 

On Authority

„Nothing strengthens authority so much as silence“ — Leonardo da Vinci

Several years ago my daughter wanted to begin studying an instrument. She had been to musical preschool for a while and then chose the akkordeon as her favourite. It turned out that her preschool music teacher was a studied akkordeonist. We were all very happy about these circumstances, including the teacher, as they had grown to like each other well over the past. So, what we hoped for was a smooth transition from playful, handclapping singing and dancing to music with an occasional percussion session to learning to read notes and the complex coordination of finger, hand and arm movements.

What we got was quite the contrary. During the second lesson, while I was waiting outside, the teacher suddenly opened the door and said: „Excuse me, I’m afraid it’s not working this way. Your daughter did not study well enough.“ She bade me inside. The air was thick with nervousness, stress and anxiety. At that point I still thought that she simply wanted to talk to me about her expectations concerning studying an instrument and expected tips from a professional musician and pedagogue on how to make practicing a joyous matter for a seven-year-old. What followed literally paralyzed me.

The teacher went on right in front of my daughter who began shrinking behind that monstrous akkordeon: „I asked her if she had studied and she told me ‚yes‘, but if you listen to her playing you will see that she did not study well, if at all. If your daughter continues in that fashion I had rather take some other pupil, you know we have a waiting list.“ I was baffled and speechless. My stance on learning is that it should be fun for it to be sustainable, my stance on hobbies is that they should be a fulfilling pastime which cannot go without fun. What I was witnessing here was the opposite of fun, it was beyond pressure, it was humiliation, and the worst thing was that it wasn’t a movie, it was happening right in front of my eyes, it was happening to my seven-year-old daughter and I felt incapable to intervene and protect her. And it came worse.

The teacher told my daughter to play the sequence they had been working on before I had entered the room. My daughter took on to play, her eyes wide as saucers in fear of failing and confirming the teacher’s expectations of her hitting the wrong notes and being a disappointment to her. I wanted to stand up and shout at that teacher to stop this demonstration of faultiness of my daughter. But I did nothing. Not only my daughter but I was too captured by the teacher’s authority, and I let the wrong – which I in contrast to my daughter was old enough to understand as such – happen.

The only thing I was able to articulate before we were dismissed was that this had been just the second lesson. I felt rage and shame against myself and I began to cry on our way to the car. It wasn’t only the feeling of having failed my child, I also felt so sorry for her because her beloved teacher had destroyed their relationship of trust with just one stroke. And my daughter learned from one moment to the next that people you trust can make you feel worthless.

In order to correct my failing to stand up for her and to make it clear to her that she was mistreated in that lesson, we sat down in the car and I told my daughter about humiliation and that her teacher had no right to do that to her just because she was her teacher and an adult. I said that adults know a lot more than children and can therefore decide in many situations, but that if something that the adult says or does makes you feel bad, small, unloved,  you do not have an obligation to do what this person says nor continue loving that person. My daughter decided to cancel the contract with this teacher the following week.

Legitimate authority is the right to give orders and expect odedience under the premise that both the ruler and the ruled recognize this asymmetric relationship as legitimate and justified. Authority towards children comes with a set of responsibilities if your goal is to rear independent thinkers and autonomous and considerate human beings. The adult’s authority is orientation, security, a reliable relationship of reciprocal trust that gives the child the opportunity to grow to his or her full potential, a room where children can learn to see themselves and others.

Several weeks after this experience I told an acquaintance about what had happened to us and that I was somewhat glad about the learning opportunity it produced for me to show my daughter that not all grown-ups are benelovent and deserve our obedience and trust. She looked at me puzzled and a bit shocked and then retorted: „The most important thing for me is that my son respects adults.“ … „Yes“, I thought, „there is still a lot to do in this country!“

Was will die politische Mutti?

Dies ist kein Erziehungsratgeber und auch kein nettes öffentliches Tagebuch, in dem ich aus meinem schönen Leben, meinen schönen Kindern und meiner schönen Partnerschaft erzähle und hoffe, durch weichgezeichnete Fotos viele Likes zu bekommem. Erstens ist mein Leben nicht immer schön, morgens und abends finde ich weder mich noch meine Kinder toll und mittags, wenn ich meine Partnerschaft super finde, bin ich auf der Arbeit. Zweitens sehe ich mich trotz meiner Erfahrung als Mutter nicht als Ratgeberin für andere Eltern. Ich habe keine Tricks auf Lager, ich verfüge nicht über allumfassende Weisheit in Erziehungsdingen. Ich hoffe, dass ich meine Sache jeden Tag einigermaßen gut mache und dass ich auch in schwierigen Phasen immer noch liebevoll, verlässlich und gerecht bin, wie alle Eltern. Die häufig im Internet anzutreffende Art Bestätigungsdialog nach dem Motto: – „Puh, wir sind in einer total schwierigen Entwicklungsphase, aber jetzt hab ich Simsalabim gemacht und es geht schon besser.“ – „Toll, weiter so. Du bist eine Super-Mutti“ – führe ich lieber mit echten Menschen in nicht öffentlichen Räumen.

Was ist nun dieser Blog? – Für mich ist es erstens ein Reflektionsinstrument, zweitens ein Denkwerkzeug und drittens hoffentlich eine anregende Lektüre. Viertens ist es meine Art, mich einzumischen und diese Gesellschaft mitzugestalten. Fünftens ist es der Versuch, die Interpretationshoheit nicht den 13 Prozent zu überlassen.

Es ist mein Verteidigungsposten der Demokratie in Zeiten einfacher Antworten auf komplexe Fragen. Die von mir gewählte Art der Verteidigung dieses hohen Gutes ist mein Ringen um ein demokratisches Zusammenleben mit meinen Kinder. In dem Maße, wie das Große der Politik in das Kleine der Familie hineinreicht, so wird im Kleinen der Grundstein für den Fortbestand unserer freiheitlichen Grundordung gelegt. Wer nur gehorchen lernt oder alles darf, wird manipulierbar, entweder durch seine Angst oder durch seine ungehemmten Bedürfnisse. Kinder werden nicht als Demokraten geboren.

Dies ist also eine Dokumentation unserer Erlebnisse und Gespräche als Familie in einer Gesellschaft, deren Grundwerte plötzlich offen verhandelbar erscheinen, und meines Nachdenkens darüber. Wer uns dabei zusehen mag, sei hiermit herzlich eingeladen.